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Autor
Sezgin, Hilal

Landleben

Untertitel
Von einer, die raus zog
Beschreibung

Es rührt sich was: Bekannte, bisher nicht als esoterische Spinner bekannte Autoren wie Jonathan Safran Foer und Karen Duve schreiben über Tierhaltung, Fleischverzehr und deren Folgen, anlässlich des neuesten Dioxinskandals gehen tausende Berliner unter dem Motto “wir haben es satt” auf die Straße und nun hat die Journalistin Hilal Sezgin, langjährige Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau, ein Buch über ihren Umzug von Frankfurt in ein Dorf in der Lüneburger Heide geschrieben. Ein schönes Buch, unterhaltsam und anregend!
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
DuMont Buchverlag, 2011
Format
Gebunden
Seiten
272 Seiten
ISBN/EAN
978-3-8321-9623-3
Preis
19,99 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Hilal Sezgin wurde 1970 in Frankfurt am Main geboren. Sie lebt als freie Publizistin in der Lüneburger Heide. Dort genießt sie die täglichen Freuden und Anstrengungen des Landlebens. 2009 erschien ihr Roman “Mihriban pfeift auf Gott” im DuMont Buchverlag.

Zum Buch:

Hilal Sezgin ist ein typisches Stadtgewächs. Jahrelang lebte und arbeitete sie durchaus zufrieden in Frankfurt am Main, genoss die Kultur in der Großstadt, die Nähe von Freunden und Bekannten, die Vielfalt des urbanen Lebens. Aber da gab es immer diese zweite Seite in ihr: die heimliche Sehnsucht nach einem anderen, dem Landleben. Mit 36 Jahren wollte sie es nicht mehr aufschieben und begann ernsthaft damit, ein Haus auf dem Land zu suchen. “Wer keine Ahnung hat, hat Mut” heißt das türkische Sprichwort, das sie an den Anfang ihres Buches gesetzt hat, denn wie groß das Abenteuer wirklich war, auf das sie sich eingelassen hat, hat sie zum Glück vorher nicht gewusst. Aber auch nicht, wie groß das Glück werden würde.

Sezgins Buch lässt den Leser an allen Phasen ihres neuen Lebens teilhaben. Daran, den Ort zu finden, an den sie ziehen will, ein Haus und eine Umgebung, in der sie sich vorstellen kann, aufgehoben zu sein, denn sie ist – abgesehen von drei Katzen, die sie begleiten – allein. Sie hat großes Glück und findet alles, wie sie es sich wünscht. Ein Dorf in der Lüneburger Heide, ein großes Haus mit mehreren Nebengebäuden und vor allem nette, hilfsbereite und aufgeschlossene Vermieter und Nachbarn.

Auch der Traum, mit Tieren zu leben, erfüllt sich schneller als sie denkt: sie nimmt Schafe auf, die niemand mehr will, erbarmt sich der Hühner einer (Bio!) Legebatterie, die dem jährlichen Einsammeln zum Schlachten entwischt sind und denen sonst der Hals umgedreht würde. Irgendwann leben zwei schwule, aggressive Ganter bei ihr, die jeden beißen – sie auch. Es ist der Traum von Bullerbü, von der Nähe und Wärme von Mensch und Tier. Allerdings haben viele Schafe Moderhinke, Lämmer müssen von Hand aufgezogen werden, weil das Muttertier sie nicht annimmt, die Hühner sind fast kahl und haben durch das Leben als Legemaschine Darmprobleme. Sie lernt Angst und Ekel zu überwinden, pflegt trübe Augen und gebrochene Beine und zahlt hohe Tierarztrechnungen, baut Ställe und Einfriedungen. Das liest sich gleichermaßen anrührend wie komisch und irgendwann beginnt man sich zu fragen, ob das nicht nur die Sentimentalitäten einer Städterin sind, die sich hier über Hunde und Katzen hinaus ungebremst austoben können. Aber dem ist nicht so. Sezgin hat sich bereits im Studium mit Tierethik beschäftigt und zum Thema Tierrechte veröffentlicht. Sie setzt sich kritisch mit sich und ihrem Verhalten auseinander und ist sich durchaus bewusst, dass das Retten einiger Hühner aus einer Legebatterie nicht an den Grundfesten unserer Eierproduktion rüttelt. Für unsere Gesellschaft von selbstverständlichen Fleischessern und Tierverwertern, die in Natur und Tieren Produkte sehen, deren Herstellung möglichst optimiert werden muss, findet sie deutliche Worte, und das Kapitel, in dem sie sich mit Geschichte und Kultur des Verhaltens des Menschen zu den Tieren auseinandersetzt, ist sehr erhellend.

Sezgin verschweigt auch nicht, dass es in den vier Jahren, in denen sie jetzt auf dem Land lebt, durchaus eine Phase gegeben hat, in der sie ihren Entschluss in Frage stellte, in der die Depression ums Haus schlich. Aber das ist überwunden, und man nimmt der Autorin ab, dass ihr Entschluss, der Stadt den Rücken zu kehren, nicht ein Leben ohne, sondern ein Leben mit ist, wie sie schreibt, “ein Leben mit weitem Blick aus allen Fenstern, ein Leben mit den Jahreszeiten, ein Leben mit Schnee im Winter, Kuckucksrufen im Frühjahr, Faulenzen im eigenen Garten im Sommer und Einkochorgien im Herbst…“ (Und viel, viel harter Arbeit.)

Jeder, der diese heimliche Sehnsucht auch in sich trägt, wird das Buch gerne lesen – und bei allen anderen Lesern kann das ja noch kommen. Es lohnt sich!

Ruth Roebke, Autorenbuchhandlung Marx & Co., Frankfurt