Zum Buch:
Während die Oberfläche der heutigen Erde zu etwa 70 Prozent mit Wasser bedeckt ist, weisen Forschungen darauf hin, dass unser Planet vor etwa 3 Milliarden Jahren eine echte Ozeanwelt war. In den Meeresbriefen schreiben sich die große Schwester Atlantik und ihre kleine Schwester Mittelmeer Briefe über den Zustand der Welt, über ihr Getrenntsein durch Landmassen, über brennende Bäume an ihren Ufern. Der Mensch – in ihrer Korrespondenz (in der Übersetzung aus dem Dänischen von Franziska Hüther) als „Geziefer“ bezeichnet – erscheint zwar lästig und zerstörerisch, letztlich aber nur als schemenhafte Kulisse, vor der sich in der Zukunft die Wiedervereinigung der Schwestern vollziehen wird. Schwester Atlantik schreibt „Was die Jahreszeiten betrifft, so habe ich kein rechtes Verhältnis zu ihnen. Mein Augenmerk liegt auf der Nacht. (…) Ich träume von der Spiegelkugel, zu der die Erde werden wird, wenn wir uns wieder begegnen.“
Die 1980 geborene dänische Schriftstellerin und Übersetzerin Siri Ranva Hjelm Jacobsen hat für uns auf poetische Weise die Perspektive gewechselt: die Meere schauen auf die Menschheit und deren Zerstörung der Erde. Der Ton der Schwestern liest sich dabei ganz unterschiedlich: mal lakonisch, mal zynisch, mal ungeduldig, mal traurig, große und kleine Schwester mit verschiedenen Erinnerungen an das, was mal war. In den Briefen der beiden tauchen auch Dädalus und Ikarus auf, verweisen auf ein tragisches Schicksal als einer zeitlosen Lektion über Selbstüberschätzung und Übermut.
Meeresbriefe ist ein mit organisch anmutenden Bildern der Künstlerin Dorte Naomi illustrierter Aufruf und Abgesang, eine Erinnerung daran, dass alles mit allem zusammen hängt auf unserem blauen Planeten. Der Klimawandel wird – wenn wir Menschen ihm nicht endlich mit allem, was wir haben, entgegensteuern – dem Geziefer ein Ende bereiten. Der Honig, der die Federn unserer Flügel zusammenhält, wird unter der Sonne schmelzen wie schon bei Ikarus.
Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt