Zum Buch:
Dan Lehman war Präsident. Nun ist er vor allem ein Mann, dessen Bedeutung schwindet. Nach der verlorenen Wiederwahl verbringt er seine Tage zwischen Alkohol, Erinnerungen und dem Versuch, mit einem Leben zurechtzukommen, das nicht länger von Einfluss und öffentlicher Aufmerksamkeit bestimmt wird. Seine zweite Ehefrau Hilda Müller kämpft gleichzeitig um ihre Karriere als Schauspielerin. Als sie die Hauptrolle in dem Film eines gefeierten (selbsternannten) feministischen Regisseurs erhält, öffnen sich neue Möglichkeiten – und alte Abhängigkeiten.
Das ist die Ausgangssituation des Romans, der sich für politische und gesellschaftliche Hierarchien interessiert, aber noch stärker für deren Verlust. Die französische Autorin verfolgt mehrere Figuren unterschiedlicher Generationen und verbindet politische, künstlerische und private Lebenswelten miteinander. Im Zentrum stehen dabei weniger große Ereignisse als die Beziehungen zwischen Menschen: zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern, ehemaligen Partnern und Liebenden.
Eindrucksvoll gelingt ihr die Darstellung von Menschen, die sich über Jahre hinweg an öffentliche Rollen gewöhnt haben und nun erleben, wie diese ins Wanken geraten. Dan Lehman muss feststellen, dass Einfluss vergänglich ist. Hilda bewegt sich in einer Filmbranche, in der Sichtbarkeit eine Währung darstellt und Alter schnell zum Nachteil werden kann. Der Roman richtet seinen Blick immer wieder auf die Spannung zwischen Selbstinszenierung und innerer Verunsicherung.
Die Liebeshungrigen greift zahlreiche Themen auf, die die Gegenwart prägen: Machtmissbrauch, Geschlechterverhältnisse nach #MeToo, Antisemitismus, soziale Medien, Alkoholismus oder die Frage, wie sehr Erfolg und Anerkennung das eigene Selbstbild bestimmen. Karine Tuil gelingt es häufig, solche Konflikte ihrer Figuren sichtbar zu machen. Vor allem die Schilderungen des Kulturbetriebs überzeugen durch ihre Genauigkeit. Hierarchien, Eitelkeiten und Abhängigkeiten beschreibt sie ebenso aufmerksam wie die Unsicherheiten der Beteiligten.
Eine große Stärke des Romans liegt in seiner Ambivalenz. Die Autorin vermeidet einfache Urteile und klare Täter-Opfer-Zuschreibungen. Ihre Figuren handeln widersprüchlich, verletzen andere und werden selbst verletzt. Gerade dadurch wirken viele Beziehungen glaubwürdig. Liebe ist bei Tuil selten ein Zustand der Harmonie. Stattdessen zeigt sie Beziehungen als fragile Gefüge, in denen Nähe, Macht, Verletzlichkeit und Anerkennung eng miteinander verwoben sind.
Die unterschiedlichen Erzählstränge greifen dabei immer wieder ineinander. Politik, Kulturbetrieb und Privatleben bleiben keine getrennten Sphären, sondern beeinflussen sich gegenseitig. Nicht jede Figur erhält die gleiche Tiefe, doch gerade die verschiedenen Perspektiven machen sichtbar, wie eng öffentliche Rollen und persönliche Beziehungen miteinander verbunden sind.
Zugleich entwickelt der Roman einen bemerkenswerten Sog. Tuil schreibt klar und konzentriert, ihre Kapitel sind knapp gebaut, die Dialoge pointiert und die Perspektivwechsel geschickt gesetzt. Trotz der Schwere vieler Themen bleibt der Roman zugänglich und unterhaltsam, ohne seine Konflikte zu vereinfachen.
Die Liebeshungrigen erzählt von Menschen, die gelernt haben, Rollen zu spielen – in der Politik, in Beziehungen und auf der Bühne des öffentlichen Lebens. Karine Tuil blickt hinter diese Fassaden und macht die Einsamkeit, die Unsicherheit und die Sehnsucht sichtbar, die darunter liegen. So entsteht ein vielschichtiger Roman über Menschen, die sich hinter ihren Rollen eingerichtet haben und doch nie ganz in ihnen aufgehen.
Sara Mundt, Der andere Buchladen, Köln