Zum Buch:
„Diese Geschichte erzählte eine Frau und erlaubte mir, sie aufzuschreiben. Ich lasse sie hier sprechen.“ Damit beginnt Monika Helfers kleine Novelle Wer bist du?
Es ist die Geschichte einer älteren Frau, seit kurzem verwitwet und alleinlebend, bei der eines Tages ein etwa neunjähriges Mädchen klingelt, das behauptet, einen größeren Geldschein auf der Straße vor dem Haus gefunden zu haben, den es ihr zurückgeben wolle. Die Frau hat den Schein nicht verloren, und so beratschlagen die beiden bei einer heißen Schokolade, was zu tun sei. Im Gespräch mit dem Kind erfährt die Frau, dass die Eltern geschieden seien, die drei Brüder weit entfernt beim Vater wohnten und es selbst bei der – anscheinend psychisch gestörten – Mutter bleiben musste, weil die gedroht habe, sich andernfalls umzubringen. Am Ende entscheiden sie, dass die Frau den Schein wechseln und das Geld unter einem Stein im Garten verstecken werde, wo das Mädchen es sich bei Bedarf nach und nach abholen könne. Am nächsten Tag ist das Mädchen verschwunden; Radio und Zeitungen bringen Bilder und Suchmeldungen, aber vergeblich. Jahre vergehen, aber die Frau kann das Kind nicht vergessen, das Ereignis nimmt sie zunehmend stärker in Beschlag. Bis dann eines Tages eine junge Frau vor ihrer Türe steht und sie fragt, ob sie sich noch an das Mädchen von damals erinnern könne …
Es ist eine sehr rätselhafte und manchmal auch ein wenig gruselige Geschichte, die die fiktive Erzählerin hier ausbreitet, eine Geschichte über die Macht, die durch Lügen entsteht, über Beziehungen mit nicht nur doppeltem, sondern gleich drei- oder vierfachem Boden, über Vertrauen und Misstrauen, Körperlichkeit und Einsamkeit, eine Geschichte, die einen hineinzieht wie in einen Strudel, ein wenig beängstigend vielleicht, aber zugleich ungeheuer faszinierend.
In diesem kleinen Bändchen, mehr noch als in ihren anderen Büchern, wird die sprachliche und kompositorische Kunst sichtbar, mit der Monika Helfer die Abgründe und Lebenslügen ihrer Protagonistinnen sowohl aufdeckt als auch in einer liebevollen Schwebe hält, in der ein Urteil so unmöglich wie überflüssig ist, wohl aber die Frage: „Wer bist du?“ freundlich an die Leserin zurückgegeben wird. Die leuchtenden, flirrenden Illustrationen von Kat Menschik unterstreichen diesen Eindruck noch.
Wer bist du? ist ein kleines Kunstwerk, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte!
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.