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Autor
Zadoff, Mirjam

Wie wir überwintern

Untertitel
Den Lebensmut durch die harten Zeiten retten
Beschreibung

Ein Büchlein, das wie ein Ratgeber aussieht – und es auch auf eine besondere Art ist. Mirjam Zadoff verlässt mit den kurzen Essays ihre Rolle als Wissenschaftlerin und Leiterin des NS-Dokumentationszentrums in München. Im Hintergrund steht die Erfahrung, dass die demokratischen Verfassungen und Grundrechte auf vielen Ebenen angegriffen werden. Zadoff analysiert in diesem Büchlein aber nicht, sie öffnet Perspektiven, macht Vorschläge für alltäglichen Widerstand.

Wie wir überwintern ist ein Brevier für schwere Zeiten, teilweise auch eine Bastelanleitung. Zadoff will uns Lesende an die „Fähigkeit des Menschen zur Veränderung erinnern“. Es ist ermutigend, dass die Leiterin eines NS-Dokumentationszentrums sich den Möglichkeiten des täglichen Widerstands gegen die autoritäre Wende widmet.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hanser Verlag, 2025
Format
Gebunden
Seiten
136 Seiten
ISBN/EAN
978-3-446-28478-4
Preis
16,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Mirjam Zadoff, Jahrgang 1974, studierte Geschichte und Judaistik in Wien und München. 2014 bis 2019 war sie Professorin für Jüdische Studien und Geschichte an der Indiana University Bloomington, seit 2018 leitet sie das NS-Dokumentationszentrum in München. Als Gastprofessorin unterrichtete sie unter anderem in Zürich, Berkeley und Berlin. Sie ist Honorarprofessorin an der Technischen Universität München und außerplanmäßige Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.Bei Hanser erschienen »Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem« (2014), ausgezeichnet mit dem Fraenkel Prize for Contemporary History, und »Gewalt und Gedächtnis. Globale Erinnerung im 21. Jahrhundert« (2023). Mirjam Zadoff lebt in München.

Zum Buch:

Ein Büchlein, das wie ein Ratgeber aussieht – und es auch auf eine besondere Art ist. Mirjam Zadoff verlässt mit den kurzen Essays ihre Rolle als Wissenschaftlerin und Leiterin des NS-Dokumentationszentrums in München. Im Hintergrund steht die Erfahrung, dass die demokratischen Verfassungen und Grundrechte auf vielen Ebenen angegriffen werden. Zadoff analysiert in diesem Büchlein aber nicht, sie öffnet Perspektiven, macht Vorschläge für alltäglichen Widerstand. Sie feiert all die Menschen, die mit zivilem Ungehorsam seit Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgreich Rechte erstritten und das Ende von Kriegen und Diktaturen gefordert haben. Sie richtet den Blick einmal nicht auf die verlorenen Kämpfe, sondern auf die Erfolge. Durch die Vielfalt ihrer Beispiele und die Verbindung mit persönlichen Erfahrungen entwickelt sich beim Lesen ein Zutrauen in diese Sicht auf politisches – und auf den ersten Blick oft banales Handeln.

Subversives Stricken ist eine Form von Aktivismus, die es hier zu entdecken gibt. Aneignung von Praxen, die auf den ersten Blick nicht politisch erscheinen, aber durch künstlerische Arbeiten und ihre Verbreitung dazu werden. Zadoff nennt hier die Tapisserien der Roma-Künstlerin Malgorzata Mirga-Tas. Sie sammelt Stoffe und Kleidungsstücke, aus denen sie mit anderen Frauen „Monumente“ herstellt, um an die Geschichte der Roma zu erinnern.

Jedes Kapitel steckt voller kleiner Geschichten, die zu eigener Praxis anregen, sei es die Organisation von Kulturzentren in der Provinz oder die Bereitschaft zum Gespräch, zu gemeinsamem Singen oder Kochen – trotz Dissonanzen und Konflikten.

Das klingt oft durchaus nach einer Beschwörung harmonischer Gemeinschaft. Beim Lesen werden aber die Mühen sichtbar, die in alle diesen kleinen und größeren Handlungsfeldern oder bereits den Haltungen gegenüber den Angriffen auf die Rechte von Minderheiten notwendig sind. Es geht aber auch spielerisch – und dabei sehr ernsthaft. Der Lippenstift als Kampfinstrument ist dafür ein Beispiel. Elisabeth Arden hat schon in den 1920er Jahren Lippenstifte an Frauenrechtlerinnen ausgegeben. Zadoff beschreibt sie als Zeichen der Selbstermächtigung, sei es gegen die NS-Frauenpolitik der „Natürlichkeit“ oder die Entwürdigung in den KZ. Und heute gibt es in den USA das „Red Lipstick Movement“ gegen die antifeministische Politik der Trumpisten.

Es ist vermutlich der lebendige Anschluss an die Popkultur, an die Protestformen der US-amerikanischen Linken, die Zadoff mit ihren Impulsen und Erfahrungsberichten anbietet. Hier gibt es viel zu lernen, gerade jetzt, wo die rassistische, antifeministische und nationalistische politische Praxis immer stärker wird. Der Widerstand kann nicht zuletzt auf die kleinen Räume zielen, auf Nachbarschaften, die „Dritten Orte“, eben das Gespräch.

Wie wir überwintern ist ein Brevier für schwere Zeiten, teilweise auch eine Bastelanleitung. Zadoff will uns Lesende an die „Fähigkeit des Menschen zur Veränderung erinnern“. Es ist ermutigend, dass die Leiterin eines NS-Dokumentationszentrums sich den Möglichkeiten des täglichen Widerstands gegen die autoritäre Wende widmet.

Gottfried Kößler, Frankfurt a.M.