Zum Buch:
Für sein neues Buch Abendlied greift Stuart O’Nan wieder auf einige Figuren zurück, die auch schon in früheren Romanen vorkommen. Seine vier Heldinnen – Emily, Susie, Arlene und Kitzi – sind zwischen 60 und 90 Jahre alt und haben, wie das einstmals gehobene Wohnviertel, in dem sie seit Jahrzehnten leben, schon bessere Tage gesehen. Sie sind Mittelstandsfrauen, die finanziell so lange sorgenfrei sind, wie die Arztrechnungen nicht überhandnehmen oder ein Heimaufenthalt droht. Den festen Rahmen in ihrem Leben bilden die Zugehörigkeit zur Kirche mit ihren sozialen und kulturellen Angeboten und der “Humpty Dumpty Club”, dessen Mitglieder Nachbarschaftshilfe leisten. Die vier Heldinnen, so unterschiedlich sie sind, halten zusammen, denn wer sich unter dem Namen der zu Bruch gehenden Figur aus dem englischen Kinderreim zusammenfindet, weiß um die Fragilität des Lebens.
Das Buch beginnt damit, dass Joan, lange der verlässliche Kopf des Clubs – Humpty-Dumpty lässt grüßen – die Treppe in ihrem Haus herabstürzt und erst am nächsten Morgen aufgefunden wird. Mit schweren Knochenbrüchen wird sie für längere Zeit ausfallen, und die vier Frauen übernehmen zusätzlich auch ihre Aufgaben. Sie kümmern sich um hilfsbedürftige Mitglieder, besorgen Medikamente, kaufen ein, fahren Kranke zum Arzt, betreuen verwaiste Haustiere, besuchen Pflegeheime und – eine Aufgabe, die sich ihnen immer häufiger stellt – organisieren Begräbnisse.
Neben ihrer sozialen Tätigkeit erleben wir die vier alten Damen in ihrem Alltag: beim Einkaufen, beim Karten spielen, bei den Proben im Kirchenchor, bei einsamen Abendessen vor dem Fernseher oder bei der Organisation der Midterms in ihrem Wahlkreis, bei denen die Demokraten zu ihrer Freude noch einmal die Mehrheit im Kongress behalten. Auch wenn das Alter ihnen zusetzt – Emily, verwitwet, leidet unter Schlafstörungen, Arlene beobachtet mit Sorge ihr langsames Abgleiten in die Demenz, Kitzy umsorgt ihren kranken, antriebslosen Ehemann – lassen sie sich nicht unterkriegen. Die politischen und sozialen Hintergründe des Alltags mit einem nach der überstandenen Corona-Pandemie überforderten Gesundheitssystem, dem erneut drohenden Trumpismus und einer sich rasant entwickelnden Technologie bilden den Hintergrund zu den Ereignissen.
Für ungeduldige Leser, die einen handlungsprallen Plot voller Überraschungen mögen, ist Abendlied eher nicht die richtige Lektüre. Aber wer genaue Milieustudien und fein gezeichnete Charaktere liebt, dem sei der Roman dringend empfohlen. Abendlied ist – wie oft in O’Nans Büchern – eine unspektakuläre, aber vergnügliche Lektüre. Das Buch besticht durch eine genaue, einfühlsame, humorvolle und dicht am normalen Leben sich haltende Erzählweise. Die zwar alten, aber hellwachen und auch, wenn nötig, bissigen Ladies wachsen einem schnell ans Herz. Der Text ist vor den gegenwärtigen Schrecknissen in Amerika geschrieben worden, aber man kann sich durchaus vorstellen, wie Arlene und Emily, wie in all den Städten, in denen ICE ihr Unwesen treibt, mit Trillerpfeife und Telefon im Auto sitzen und die Straße in ihrer Nachbarschaft beobachten …
Ruth Roebke, Frankfurt a. M.