Zum Buch:
Uppercut von Maja Iskra erzählt vom Aufwachsen eines jungen Mädchens im Belgrad der 90er-Jahre – im Stadtteil Dorćol, heute gentrifizierter Künstler*innenbezirk, damals von Krieg, Gewalt und Armut geprägt. Heute lebt die Protagonistin in Wien und erzählt in Flashbacks von ihrer Kindheit, von der Gewalt, die sie geprägt hat, aber auch von den Beziehungen, die sich in und durch diese Verhältnisse gebildet haben, von Freundschaft, Solidarität und Familie.
In Wien begegnet die Ich-Erzählerin nachts in einer Bar einem Mann, Faris. Sie teilen ihre Liebe zur Musik und ihre Herkunft aus Jugoslawien. Auch Faris wohnt schon länger in Wien. Wenn er an seine Kindheit denkt, denkt er an den Krieg, versucht, sich von der erlebten Gewalt und dem Krieg möglichst weit zu entfernen. Anders als in den kurzen Einblicken in Faris Leben geht es im Leben der Protagonistin, und damit auch im Text, nicht um Krieg – umso mehr aber von der alltäglichen Gewalt, die sich in den Körpern der Menschen festgesetzt hat. Sie berichtet von ihrer Schulzeit, vom Umgang ihrer Mitschüler*innen, von Faustkämpfen, vom Ausgeschlossensein, von der Angst vor der Dunkelheit und der Flucht vor dem Zuhause und der Schule, die Orte, in denen sie Sanktion und Härte erfährt. Eine Härte, die sie selbst braucht, um sich durchzusetzen – mit den Fäusten, die sie wörtlich durch ihre Kindheit und Jugend getragen haben. Die aber die Zärtlichkeit und die Solidarität, die sie in Momenten der Freundschaft erlebt hat, nicht mindert.
Im Text entspinnt sich ein Verhältnis zur Gewalt, die den Kampf als eine Notwendigkeit darstellt, die mit der erlebten Zärtlichkeit im Einklang stehen und Teil davon sein kann. Besonders in den rasanten Gegenüberstellungen im ersten Teil des Textes zeigt sich das deutlich. Wenn Faris von Gewalt erzählt, dann vom Krieg, von den Waffen, die beide verabscheuen. Sie hingegen findet Stärke in der eigenen Kraft, in dem Wissen, sich mit dem eigenen Körper durchsetzen und jeden verprügeln zu können. Der Roman deutet die politische Gewalt des Krieges und die patriarchale Gewalt um in eine (weibliche) Selbstermächtigung, die Gewalt zum Zweck hat, aber nicht zum Ziel.
Die Sequenzen in Wien und in Belgrad werden am Anfang in schnellem Rythmus gegenübergestellt und wechselseitig aufgegriffen, wenn die Gespräche zwischen der Protagonistin und Faris in die Flashbacks übergehen. Später wird der Text ruhiger, wenn Gegenwart und Vergangenheit sich einander annähern und die erzählte Protagonistin immer mehr eins mit sich wird. Seinen Sog verliert er bis zum Ende nicht.
Paula Blömers, autorenbuchhandlung marx&co, Frankfurt