Zum Buch:
Erst stören Hubschrauber die Tauben auf, die über Noahs Elternhaus schwärmen, dann sieht er den schwarzen Rauch über dem Basar aufsteigen. Der IS hat das Kalifat ausgerufen, da muss verbrannt werden, was „unislamisch“ und was schön ist. Schön waren auch die Auslagen und Regale im Textilgeschäft von Noahs Vater: bunte, fröhliche Kleider, zarte Dessous in farbenfrohen Verpackungen, schmeichelnde Stoffe. Jetzt muss er dem Vater helfen, die Auslagen von allem zu säubern, was weiblich ist – die Gesichter auf den Prospekten und Verpackungen mit Filzstift schwärzen, bis nur noch die Augen zu sehen sind, und die Schaufensterpuppen unter dem Niqab verhüllen. „Onkel Ali sagte neulich, dass die Mudschahedin mehr Angst vor Frauenhaut hätten als vor der amerikanischen Marine.“
Noah ist vierzehn und begeisterter Taubenzüchter, einer von sehr vielen in einer Stadt, für die Tauben seit Jahrhunderten ein Symbol für Lebensfreude und Schönheit sind. Und die sich jetzt bis zur Unkenntlichkeit verändert. Statt fröhlicher Musik Koranklänge in den Bars und Cafés, statt Gelächter verängstigte Stille, Frauen huschen in Niqab und nur in männlicher Begleitung zum Einkaufen, das frühere fröhliche Treiben auf den Straßen abgelöst durch brutale Gewalt.
Ein Freund aus der Schule ist samt Familie verschwunden, ein anderer kehrt nach einem Aufenthalt im ISIS-Ferienlager als begeisterter Kämpfer für den Islam zurück. Und auch in der Familie spürt man die Folgen: Bakir, Noahs ältester Bruder, hat sich schon vor einiger Zeit den Mudschahedin angeschlossen; sein Name wird im Hause nicht mehr genannt. Der Mann seiner schwangeren Schwester, unter dem früheren Regime Polizist, sitzt im Gefängnis. Und seine alte Freundin wird, obwohl erst sechzehn, mit einem Deutschen verheiratet, Ralf Abu-Islam aus Mühlheim an der Ruhr. Die einzigen Konstanten neben Onkel Ali, der weiter seine Witze macht, sind Noahs Tauben. Bis auch sie nicht mehr fliegen dürfen …
Es ist ein nachtschwarzes, bedrückendes Szenario, das Khider hier in einzelnen Vignetten vor uns aufblättert, und ob der Hoffnungsschimmer am Schluss real oder ein Traum ist, bleibt ungewiss. Gewiss ist aber eins: so zärtlich wurde eine Welt inmitten von Bösartigkeit, Gewalt, Fanatismus und Korruption selten beschrieben und die Schönheit, Freiheit und Treue der Tauben dem von Menschen ausgelösten Grauen so anmutig entgegengesetzt. Es sind diese kleinen Szenen, die die Lektüre nicht nur erträglich, sondern zu einem unvergesslichen Erlebnis machen.
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.