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Autor
Gurnah, Abdulrazak

Diebstahl

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné
Beschreibung

Der neue Roman des Literaturnobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah:

Klug, mit Wärme und Humor erzählt Gurnah aus dem heutigen Leben dreier junger Menschen ausTansania: Karim, der nach seinem Studium mit Ehrgeiz und großen Ideen in seine verschlafene Heimatstadt Daressalam zurückkehrt. Fauzia, die in Karim nicht nur ihren geliebten Partner, sondern auch die Chance sieht, einer allzu behüteten Kindheit zu entkommen. Badar, ein mittelloser Junge, der in Fauzia und Karim Freunde findet und von ihnen Hilfe erfährt, obwohl nicht klar ist, was und ob die Zukunft überhaupt etwas für ihn vorgesehen hat. Als Fortschritt und Tourismus in ihrem abgelegenen Winkel der Welt Einzug halten, nimmt jeder der drei das Schicksal in die eigenen Hände. Auf der Suche nach Erfolg, Glück und Bedeutung kämpft insbesondere Badar mit den langen Schatten eines Diebstahls.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Penguin, 2025
Format
Seiten
336 Seiten
ISBN/EAN
978-3-328-60438-9
Preis
26,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Abdulrazak Gurnah (geb. 1948 im Sultanat Sansibar) wurde 2021 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er hat bislang elf Romane veröffentlicht, darunter »Paradise« (1994; dt. »Das verlorene Paradies«; nominiert für den Booker Prize), »By the Sea« (2001; »Ferne Gestade«; nominiert für den Booker Prize und den Los Angeles Times Book Award), »Desertion« (2006; dt. »Die Abtrünnigen«; nominiert für den Commonwealth Writers’ Prize) und »Afterlives« (2020; dt. »Nachleben«; nominiert für den Walter Scott Prize und den Orwell Prize for Fiction). Gurnah ist Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur an der University of Kent. Er lebt in Canterbury. Seine Werke erscheinen auf Deutsch im Penguin Verlag.

Zum Buch:

„Im Allgemeinen ist bemerkenswert zu sein recht schwierig.“ Dieses Zitat von Joseph Conrad hat Gurnah seinem Roman vorangestellt und den Lesenden damit einen deutlichen Hinweis auf das gegeben, was sie von Diebstahl erwarten können und was vielleicht auch nicht. Denn „bemerkenswert“ ist an den Protagonisten dieses Romans – junge Menschen aus Tansania, mit ihrem je eigenen familiären Hintergrund und eigenen Wünschen, denen wir bei ihrer Entwicklung bis ins Erwachsenenalter zusehen dürfen – nicht viel oder, besser gesagt: nicht mehr und nicht weniger als an jedem anderen Menschen auch.

Am Anfang des Romans steht die schöne Raya, die als junges Mädchen von ihren Eltern mit einem deutlich älteren Mann verheiratet wird, um sie vor unwillkommenen Bewerbern zu schützen. Die Ehe ist unglücklich, und Raya flieht schließlich mit Karim, ihrem dreijährigen Sohn, zurück in ihr Elternhaus und später – ohne ihren Sohn – nach Daressalam, in die Großstadt. Karim wächst bei seinen Großeltern und später bei seinem älteren Stiefbruder auf und studiert dann in Daressalam Umwelttechnik. Danach lernen wir Badar kennen, der auf dem Land bei einer Familie aufwächst, die, wie sich herausstellen wird, nicht die seine ist, und die ihn mit 14 Jahren als Haushaltshilfe in die Großstadt schickt. Und schließlich kommt die schüchterne Fauzia ins Spiel, die als Kleinkind an der „Fallsucht“ litt und seitdem von ihrer Mutter ängstlich behütet wurde, sich aber dennoch mit ihrem Wunsch durchsetzt, Lehrerin zu werden.

Gurnah folgt aus distanzierter, aber immer liebevoller Perspektive der Entwicklung und dem Schicksal dieser drei, ihrer Freundschaft, aus der schließlich Liebe wird, ihren Träumen und Hoffnungen, ihren Wünschen, die sich erfüllen oder auch nicht. Weder wertet noch psychologisiert er, sondern erzeugt in klug montierten Erzählsträngen und einer täuschend einfachen Sprache quasi von selbst, aus dem Text heraus, ein Verständnis für den Zusammenstoß von traditionellen und „modernen“ Werten, für die gesellschaftlichen Umbrüche und Veränderungen, die z.B. die wachsende Tourismusindustrie mit sich bringt.

Für mich war es gerade das Gefühl von „Mündlichkeit“ in Gurnahs Sprache, was die Lektüre so wunderbar und beeindruckend gemacht hat. Sie weckt Erinnerungen an das wohlige, gespannte Zuhören der Kindheit, als die Frage: „Und dann?“ noch wichtiger war als die Frage nach gut und böse, richtig und falsch. Und das erneut erleben zu können, ist ein seltenes, großes Glück.

Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.