Zum Buch:
Hamburg zwischen 1933 und 1937. Im „roten“ Hamburg haben die Nazis die Macht übernommen. Ihre Gewalt trifft die Arbeiter und die Armen, Menschen, deren Leben sich den bürgerlichen Regeln verweigert. Anja Kampmann erzählt diese Geschichte „von unten“ aus der Perspektive von Hedda, einer Frau aus dem proletarischen Milieu. Hedda ist Hochseil-Artistin im Alkazar, einem Varieté auf der Reeperbahn. Ihre Mutter ist Arbeiterin bei Reemtsma, der Vater gewalttätig und Alkoholiker. Halt findet sie bei ihrem älteren Bruder Jaan, der später als Harpunenschmied auf dem ersten Walfangschiff der Nazis zur See fährt. Mit dem sechsjährigen behinderten Bruder Paul verbindet sie eine liebevolle Nähe.
Hedda, die Ich-Erzählerin des Romans, hat im Arbeitersport trainiert und dann mit ungeheurer Anstrengung den Himmel des Alkazars erreicht, einem aufregenden Treffpunkt der Halbwelt mit Tänzerinnen, Chansons, Erotik, Sex und Drogen.
Die Nazis verfolgen, verhaften, ermorden Heddas Freunde, auch ihren Geliebten. Sie alle sind Kommunisten und Arbeiter. Es herrscht die Angst, der Kiez wird still.
Arthur, der Direktor des Alkazar, erscheint anfangs als charismatische Figur der Boheme, als schillernder Geschäftsmann. Hedda erinnert sich an Arthurs Glamour, an seinen Charme und seine Ansagen voller politischer Anspielungen. Aber langsam ändert sich Arthurs Rolle. Am Anfang glaubt er nicht, dass die neuen Braunen ihm etwas anhaben könnten. Auch seine „Mädchen“ können sich das nicht vorstellen. Doch die Braunen sind mächtiger als er: sie demütigen ihn, schlagen, verhaften, erpressen ihn. Er kann sich nicht wehren und verliert am Ende seine Villa, sein Alkazar, seine Männer. Und verlässt im Dunkeln seine Stadt. Auch der Trompeter des Alcazar-Orchesters darf wegen der Rassegesetze bald nicht mehr auftreten und versteckt sich voller Angst in seinem armseligen Zimmer. Er will fliehen, bringt seine Trompete zum Pfandleiher, kann aber die Flucht nicht finanzieren.
„Jetzt kommen sie mit ihrem Rasselineal, das sie an alle anlegen“, sinniert Hedda. „Wer jetzt noch bleiben will, muss ein bisschen deutschen Acker in sich tragen. Dumpfes Blut. Die gähnende Leere der Marsch.“
Im Zentrum des Romans stehen die Frauen, die ihren Körper verkaufen müssen, um zu überleben. Das Varieté ist ihr Arbeitsplatz, aber auch ein Ausweg aus der Armut, mit dem Schein der Freiheit. Arthur hat diesen Schein erzeugt, in all seiner Ambivalenz. Die Nazi-Herrschaft ändert nichts an der Armut, die zur Sexarbeit zwingt. Aber jetzt werden diese Menschen im Namen der Volksgesundheit verfolgt. Sie gelten als moralisch verkommen, werden als „Asoziale“ kriminalisiert, in Anstalten gesteckt und sterilisiert. Die Ausweglosigkeit, die unmenschliche Gewalt der Säuberung im Interesse der „Volksgemeinschaft“ führt zu einem Leben zwischen Traum und Verzweiflung.
Im Nachwort des Romans erfahren die Lesenden, dass die wichtigsten Figuren an realen Personen orientiert entwickelt wurden. Sie tragen auch die historisch korrekten Namen. Nur Hedda und ihre Familie sind fiktive Figuren. Die Szenerie des Romans ist genau recherchiert, Kampmann hat Recherchen und Interviews genutzt, die von Hamburger Geschichtswerkstätten über Jahrzehnte gesammelt und erarbeitet wurden. Aber der Roman ergänzt nicht einfach die Geschichte „von oben“ durch eine Erzählung „von unten“. Er geht darüber hinaus. Kampmann treibt den Roman in kurzen Abschnitten im Präsens voran, es sind Schlaglichter, in denen weniger erzählt als evoziert wird, Augenblicke, die ungemein verdichtet sind und die vorgefundene, genau erzählte Wirklichkeit mit den Empfindungen und Erinnerungen der Figuren konfrontieren – eine Art szenischer Poesie. Man hört die Lyrikerin Anja Kampmann in diesen kurzen impressionistischen Bildern.
Barbara Determann, Frankfurt a.M.