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Sing

Autor
Hempel, Amy

Sing

Untertitel
Neue Stories. Aus dem Amerikanischen von Christian Lux und Annette Kühn
Beschreibung

Auch als Buchhändlerin lässt man sich mal von der ansprechenden Gestaltung eines Covers verführen, statt wie üblich von bereits bekannten und beliebten AutorInnen oder wohlformulierten Vorschautexten der Verlage. Und zuweilen bringt so eine visuelle Verführung die Entdeckung einer Autorin oder eines Autors mit sich, die man sonst wohl nie kennengelernt hätte. So ging es mir mit dem im kleinen marix Verlag erschienenen und hier empfohlenen Erzählungsband Sing. Die US-Amerikanerin Amy Hempel ist in in ihrer Heimat längst eine anerkannte und gefeierte Kurzgeschichten-Autorin, hierzulande allerdings immer noch eher ein Geheimtipp.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
marix Verlag, 2020
Seiten
200
Format
Kartoniert
ISBN/EAN
978-3-7374-1129-5
Preis
16,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Amy Hempel ist eine der meistgefeierten gegenwärtigen Stimmen der amerikanischen Literatur. Sie lehrt im Graduate Writing Program am Bennington College und am Stony Brook Southampton. Sie hat bereits vier erfolgreiche Bände mit Short Stories veröffentlicht, zuletzt erschien The Collected Stories of Amy Hempel (2007). Auf Deutsch sind bisher u. a. erschienen Was Uns Treibt und Die Ernte (luxbooks 2013 und 2015). Ihre Geschichten erscheinen außerdem in Zeitschriften wie GQ, Vanity Fair u. a. Im Jahr 2008 wurde sie mit dem Rea Award ausgezeichnet und 2009 mit dem PEN/Malamud Award for Excellence in the Short Story. Sie lebt in der Nähe von New York City.

Zum Buch:

Auch als Buchhändlerin lässt man sich mal von der ansprechenden Gestaltung eines Covers verführen, statt wie üblich von bereits bekannten und beliebten AutorInnen oder wohlformulierten Vorschautexten der Verlage. Und zuweilen bringt so eine visuelle Verführung die Entdeckung einer Autorin oder eines Autors mit sich, die man sonst wohl nie kennengelernt hätte. So ging es mir mit dem im kleinen marix Verlag erschienenen und hier empfohlenen Erzählungsband Sing. Die US-Amerikanerin Amy Hempel ist in in ihrer Heimat längst eine anerkannte und gefeierte Kurzgeschichten-Autorin, hierzulande allerdings immer noch eher ein Geheimtipp.

Hempel beschreibt Wirklichkeits-Schnipsel in einer besonderen Mischung aus Reduktion und Komplexität. Und diese Mischung hallt beim Lesen enorm nach. Es geht um menschliche Beziehungen, Untiefen, Erinnerungen und nicht wiedergutzumachende Fehler. Wir finden Stories, die nur wenige Zeilen, und andere, die 30 Seiten umfassen. Die Eigenschaften, die alle ProtagonistInnen vielleicht miteinander verbinden, scheinen eine Verletzlichkeit und eine Art Entwurzelung zu sein. Diese meist nicht formulierte, jedoch spürbare innere Heimatlosigkeit scheint die engagierte Aushilfe in einer Hunde-Auffangstation („Full-Service Tierheim“) genauso zu begleiten wie das namenlose Paar, das sich regelmäßig in einem abgedunkelten Appartement an der Westseite eines Parks trifft („Fort Bedd“).

Die längste Geschichte in Sing („Wolkenland“) wird aus der Sicht einer Frau im mittleren Alter erzählt, die ihren Job als Lehrerin verloren hat und sich jetzt als ungelernte Altenpflegerin ihren Lebensunterhalt verdient. Lockere und zuweilen scheinbar unzusammenhängende Beobachtungen über ihr marodes Haus, Eigenheiten des aufdringlichen Nachbarn oder Online-Petitionen zu abwegigen Inhalten erzeugen eine große Nähe zur Ich-Erzählerin. Gerade weil nichts Spektakuläres geschieht, ist die Protagonistin so glaubwürdig. Der wiederholte Blick auf den frühen Bruch in ihrem Leben ist ohne jedes Pathos anrührend. Zu früh und ungewollt schwanger geworden, entschließt sie sich, ihr Kind direkt nach der Geburt in einem Heim für junge, ledige Mütter zur Adoption freizugeben. Sie rekonstruiert ihre Gefühle von damals und beschreibt in kurzen Sequenzen die Abläufe in jenem Heim, dessen Misswirtschaft erst viele Jahre später bekannt wurde. Ihre Entscheidung, die so viele Jahre zurück liegt, ist der unsichere Boden, auf dem sie ihr Leben aufgebaut hat. Nichts scheint wirklich zu gelingen, aber auch nichts ist so dramatisch, dass es ein Leben unmöglich machen würde. Außer einer eher intuitiven Hilfsbereitschaft zeigt die Ich-Erzählerin wenig Gefühl.

Die Erwähnung von 9/11, dem Tod von Prince oder des umstrittenen Themas Fracking verorten Hempels Stories im Jetzt. Manche Begegnungen zwischen ihren Figuren haben etwas Groteskes, andere sind humorvoll oder schlicht alltäglich. Die ProtagonistInnen sind keine Opfer, auch wenn das Leben es ihnen nicht leicht gemacht hat. Die Autorin unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse, beschreibt eher, bewertet nicht.

Zugegeben, manchmal geht das mit dem schönen Cover auch schief. Sing und Amy Hempel jedoch waren für mich eine echte Entdeckung, und ich habe direkt nach anderen, älteren Erzählungen der Autorin gesucht. Manchmal darf man also auch einer visuellen Anziehung nachgeben, wenn man unentschlossen vor den Regalen voller Bücher steht!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt