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LGBTQ+

Autor
Rijneveld, Marieke Lucas

Was man sät

Untertitel
Roman. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Beschreibung

Wir wissen vielleicht nicht immer, warum man zur Lektüre sehr düsterer Bücher animieren soll. Wir wissen aber meistens schon nach wenigen Seiten, ob es den Absturz, den sie mit sich bringt, wert ist. Bücher über Verzweiflung, Tod oder Grausamkeit mögen mitunter schwer zu ertragen sein, sind sie aber von einer solchen emotionalen Genauigkeit und poetischen Bildkraft wie Was man sät von Marieke Lucas Rijneveld, lohnt sich der Kraftaufwand. Völlig zu recht ist dieser Ausnahmeroman 2020 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet worden.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp Verlag, 2021
Format
Taschenbuch
Seiten
316 Seiten
ISBN/EAN
978-3-518-47165-4
Preis
11,00 EUR

Zum Buch:

Wir wissen vielleicht nicht immer, warum man zur Lektüre sehr düsterer Bücher animieren soll. Wir wissen aber meistens schon nach wenigen Seiten, ob es den Absturz, den diese mit sich bringt, wert ist. Bücher über Verzweiflung, Tod oder Grausamkeit mögen mitunter schwer zu ertragen sein, sind sie aber von einer solchen emotionalen Genauigkeit und poetischen Bildkraft wie Was man sät von Marieke Lucas Rijneveld, lohnt sich der Kraftaufwand.

Verortet in den Niederlanden, vermutlich um die Jahrtausendwende, ist der Roman das eindringliche Portrait einer Familie, die nach dem Tod eines der Kinder im Strudel der Trauer zu versinken droht. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der zu Beginn etwa 10-jährigen Jas. Unmittelbar bevor ihr Bruder Matthies beim Schlittschuhlaufen einbricht und ertrinkt, verhandelt sie mit Gott über das Leben ihres Bruders im Austausch für das Leben ihres Kaninchens, das zum Weihnachtsbraten zu werden droht. Was einerseits ein Symptom für die erdrückende Präsenz eines evangelikalen Protestantismus ist, der, gepaart mit der Vorstellungskraft eines klugen Kindes, noch an phantastischer Allmacht gewinnt, wird andererseits zum Grundstein eines mit den Jahren immer stärker um sich greifenden nekromantischen Ritualismus, der sie mit ihren Geschwistern verbindet. Im Laufe der Jahre verbindet sich dieser mit der halb kindlichen, halb adoleszenten Faszination von Sexualität.

Was wie ein obskures Gruselmärchen klingen mag, ist in Wirklichkeit eine sehr präzise Analyse der Traumata einer ganzen Familie. Die sprachmächtigen Bilder, die der Roman dafür findet, sind aus den kindlichen Spielen und Ritualen geschöpft, die dem Tod, der in ihr Leben eingedrungen ist und über den ihre Eltern nie hinwegkommen, einen sichtbaren Platz in ihrem Alltag verschaffen. In der Radikalität der Szenen trifft die – wie es scheint vollständige – Paralyse der Eltern auf den Wiederholungszwang der Geschwister. Alle Beteiligten führen, so spürt man, auf ihre jeweils sehr persönliche Weise einen inneren Überlebenskampf. Die Ausarbeitung der einzelnen Protagonisten aus der Familie, insbesondere der beiden Geschwister, und ihre Brechung durch die Sicht der jungen Erzählerin machen diesen Roman so interessant und bei aller äußeren Monotonie erzählerisch mitreißend.

Völlig zu recht ist dieser Ausnahmeroman 2020 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet worden. Dieser Preis wird jedes Jahr an den besten Roman nichtenglischer Sprache verliehen und ging mit Marieke Lucas Rijneveld erstmals an eine non-binäre Person.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt