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Taba-Taba

Autor
Deville, Patrick

Taba-Taba

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Beschreibung

Am äußersten Punkt der Loire-Mündung, nahe der kleinen Stadt Mersin, steht das LAZARETT, einstmals eine große, geschlossene Irrenanstalt. Dort arbeitete Patrick Devilles Vater und dort verbrachte der Autor seine Kindheit, umgeben von rund tausend geistig Behinderten. Das Lazarett ist der Ort, von dem aus er, nachdem er das Familienarchiv seiner Tante „Monne“, einer manischen Sammlerin, geerbt hat, der Geschichte seiner Familie nachzuspüren beginnt. Zwei Jahre lang reist er kreuz und quer durch Frankreich und besucht die Orte, an denen sie und die Vorfahren gelebt haben. Er reist nicht nur durch das Land, sondern auch kreuz und quer durch die Geschichte Frankreichs, durch Jahrhunderte und Kontinente. Herausgekommen ist ein ungemein fesselndes, sprachlich schönes, in jeder Hinsicht überbordendes Buch, das weit über das Persönliche hinausweist und doch nie unpersönlich wird und das mit Recht als Roman und nicht als Familienbiografie bezeichnet wird.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Bilger Verlag, 2019
Seiten
488
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-03762-077-9
Preis
28,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Patrick Deville, grosser Reisender, mit dem Esprit des Kosmopoliten, wurde 1957 geboren. Er leitet das Maison des Ecrivains Etrangers et Traducteurs (MEET) in Saint Nazaire. Deville ist einer, der sich Zeit nimmt dem Rauschen der Zeit und dem Murmeln der Gespräche zuzuhören. Sein Werk wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

Zum Buch:

Am äußersten Punkt der Loire-Mündung, nahe der kleinen Stadt Mersin, steht das LAZARETT, ein riesiger, von einer Mauer umschlossener Gebäudekomplex, der, nach unterschiedlicher Nutzung, in den 1950er Jahren eine geschlossene Irrenanstalt beherbergte. Dort arbeitete Patrick Devilles Vater, dort wohnte die Familie und dort verbrachte er seine Kindheit, umgeben von rund tausend geistig Behinderten, unter denen sich das Kind durchaus wohl fühlte. Einer von ihnen ist „Taba-Taba“, so genannt, weil er außer der ständigen Wiederholung der Laute „Taba-Taba-Taba“ nicht spricht. Zu ihm entwickelt das Kind eine besondere Beziehung, sitzt gerne bei ihm, beobachtet sein Hin- und Herschaukeln und lauscht der nicht endenden Litanei.

Weil der Knabe wegen eines zu kurzen Beines leicht hinkt, wird er von den Ärzten für mehr als ein Jahr in ein Gipsbett gesteckt. Da liegt er „wie eine umgekippte Schildkröte“ bewegungsunfähig auf dem Rücken und blickt an die Zimmerdecke. Rettung bringt seine Tante Simone, „Monne“ genannt. Sie lehrt ihn das Lesen und nimmt ihn im Gipsbett auf einem Karren mit zu den Theaterproben in der Anstalt. Die Literatur und ein großer Atlas beflügeln die Fantasie des Kindes und ersetzen dem erzwungenermaßen Bewegungslosen die körperliche Bewegung. Er nennt sich „das kleine Zirkusmonster, das an einem übersteigerten Erinnerungsvermögen leidet“. Dass der Erwachsene später rastlos durch die Welt reist, Informationen und Geschichten sammelt und zu außergewöhnlich detailreichen Büchern verknüpft, dürfte hierin seinen Ursprung haben.

Als seine Tante Monne stirbt, „erbt“ Deville das von ihr angelegte „Familienarchiv“, eine wilde, ungeordnete Menge von Briefen, Tagebüchern, Zeitungsausschnitten, Schnipseln, die sie, aber auch schon die vorherige Generation, gesammelt hat. Angesichts dieses umfassenden Materials entsteht die Idee, alle Gegenden und Orte abzufahren, an denen die einzelnen Familienmitglieder gelebt haben, und ihrer Geschichte nachzuspüren. Entstanden ist aber alles andere als eine chronologische Familienbiografie. Geschickt verknüpft Deville seine Reise auf den Spuren der Familie mit privaten Geschehnissen aus dem Leben dreier Generationen, wechselt zu Ereignissen aus der französischen Geschichte, zu Personen aus Politik und Kultur, kehrt – manchmal mitten im Satz – zurück zur Familie. So entsteht ein eng verwobener Text, in dem die Kriegserfahrungen seines Großvaters in die Reise des Autors nach Asien in Frankreichs Kolonialgeschichte mündet und mit der lebenslang prekären Existenz seines Vaters, der als „freier“ Sportlehrer nie eine feste Anstellung erreichte, endet.

Das Buch ist wie ein breit dahinfließender Strom von Gedanken und Erzählungen, von Historie und persönlichen Erinnerungen – sich durchkreuzend und umschlingend, von einem Gegenstand auf den nächsten kommend, in einem Satz verschiedene Sujets streifend und letztlich dennoch alles zu einem Großen und Ganzen führend. Der Autor ist wie das Gegenstück zu Taba-Taba. Wo dessen Hirn bis auf die ewige Litanei „Taba-Taba-Taba“ leer zu sein scheint, quillt das des Autors schier über von Fakten, Daten, Orten, Erinnerungen an historische Begebenheiten und eigene Reiseerinnerungen. Wo Taba-Taba durch die Mauern auf dem Gelände des Lazaretts festgehalten wird, reist sein Alter-Ego rastlos durch die Welt (-geschichte) – wobei Taba-Taba ihn im Geiste begleitet –, bis sich der Autor am Ende des Buches entschließt, ihn und das Lazarett endgültig zu verlassen.

Taba-Taba ist ein ungemein fesselndes, sprachlich schönes, in jeder Hinsicht überbordendes Buch, das weit über das Persönliche hinausweist und doch nie unpersönlich wird und das mit Recht als Roman und nicht als Familienbiografie bezeichnet wird. Wen anfänglich die schiere Menge der Geschichten, Abschweifungen und Informationen erdrückt, dem sei geraten, sich einfach dem Fluss des Lesens hinzugeben und das mitzunehmen, was dem eigenen Gehirn als behaltenswert erscheint. Das ist immer noch mehr als genug, um beglückende Stunden mit einem ganz außergewöhnlichen Buch zu verbringen.

Ruth Roebke, Bochum