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Autor
Macdonald, Helen

Abendflüge

Untertitel
Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
Beschreibung

Helen Macdonald ist mit dem Buch H wie Habicht bekannt geworden, dem Bericht über den Versuch, eine schmerzliche Erfahrung dadurch zu bewältigen, dass sie sich einer anderen – der Zähmung eines Habichts – aussetzte. Die studierte Anglistin und Wissenschaftshistorikerin ist seit ihrer Kindheit begeisterte Tier- und insbesondere Vogelbeobachterin. Ihr neues Buch Abendflüge ist eine Sammlung von kürzeren Texten, in denen sie erneut das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ausleuchtet und der Frage nachgeht, was wir verlieren, wenn wir uns nicht bewusst machen, wie beglückend die Begegnung mit anderen Wesen ist. Dabei wird Macdonald nie sentimental. Sie bleibt immer offen für das Staunen, voller Humor und immer auch sehr persönlich. Abendflüge ist eine hochinteressante und beglückende Lektüre.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hanser Verlag, 2021
Format
Gebunden
Seiten
352 Seiten
ISBN/EAN
978-3-446-26930-9
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Helen Macdonald ist Autorin, Dichterin, Illustratorin und Wissenschaftshistorikerin. Ihr Buch H wie Habicht wurde zum international gefeierten Bestseller, der u. a. mit dem Samuel-Johnson-Preis, dem Prix du Meilleur Livre Etranger und als Costa Book of the Year ausgezeichnet wurde. Sie schreibt regelmäßig für das New York Times Magazine und lebt in Suffolk.

Zum Buch:

Helen Macdonald ist mit dem Buch H wie Habicht bekannt geworden, dem Bericht über den Versuch, eine schmerzliche Erfahrung dadurch zu bewältigen, dass sie sich einer anderen – der Zähmung eines Habichts – aussetzte. Die studierte Anglistin und Wissenschaftshistorikerin ist seit ihrer Kindheit begeisterte Tier- und insbesondere Vogelbeobachterin. Ihr neues Buch Abendflüge ist eine Sammlung von relativ kurzen Essays über unterschiedliche Themen, die dennoch etwas Gemeinsames haben: Sie haben mit Erlebnissen und Erfahrungen der Autorin zu tun und beschäftigen sich direkt oder indirekt mit der Einstellung des Menschen zu seiner Umwelt. Macdonald schreibt über Bestimmungsbücher, eine Sonnenfinsternis, eine Expedition ins Hochland von Chile, sie erzählt Kindheitserinnerungen, von ihrer Arbeit auf einer Vogelwarte, ihrer Obsession für Schwäne, ihren Migräneattacken und von vielem mehr.

Mit welchen Themen die Autorin auch beginnt – eine Naturbeobachtung, ein wissenschaftliches Phänomen, eine persönliche Erfahrung –, ihre Texte weiten sich zu Analysen oder schweifen ab zu anderen Gegenständen, ohne dass jedoch der Faden verloren geht. Im ersten Text, “Nester”, – die Autorin arbeitet in einer Falkenaufzuchtstation – erinnert sie sich beim Anblick alter Fotos an eine frühkindliche Einsamkeitserfahrung und begreift plötzlich ihr lebenslanges, fast manisches, zwischen Faszination und Abscheu schwankendes Interesse an Vogelnestern und Eiern. In “Die Menschenschar” wechselt ein Überwältigungsgefühl, das sie in Ungarn beim Anblicke riesiger Starenschwärme auf dem Weg nach Süden erlebte, in ein Gefühl der Beklemmung beim Gedanken an die Scharen von Menschen, die nur 150 km entfernt durch einen Stacheldraht davon abgehalten werden sollen, weiter nach Norden zu ziehen. Sie erkennt eine Ähnlichkeit in beider Antrieb: die Suche nach Nahrung und einen sicheren Platz zum Schlafen.

Macdonalds Erzählungen weisen zumeist über ihr eigentliches Thema hinaus auf etwas Grundlegendes: Liebe, Zugehörigkeit, Entwurzelung, Exil, Wanderschaft. Immer auch geht es um die Zerbrechlichkeit des Lebens und darum, wie bedenkenlos wir Menschen mit dem umgehen, was uns umgibt und was wir zutiefst brauchen: die Natur und die Wesen in ihr. Sie sind so grundlegend anders als wir und gerade deshalb so faszinierend, weil sie über unser eigenes Sein hinausweisen. Immer wieder gibt es die Momente, in denen der Atem beim Lesen stockt. Durch eine unerwartete Wendung öffnet die Autorin den Blick dafür, welche Welt der Mensch gewinnen könnte, wenn er sich für die Welt jenseits von ihm selbst öffnete. Deshalb ist Abendflüge auch eines: ein Buch über uns.

Trotz der Trauer, der Wut und der Beklemmungen, die einige der Texte hervorrufen können, ist die Essaysammlung eine im besten Sinne “leichte” Lektüre. Das liegt an dem Humor der Autorin, an ihrer Selbstironie, ihrem Blick für das Skurrile von Situationen und das macht Abendflüge zu einer hochinteressanten und beglückenden Lektüre.

Ruth Roebke, Frankfurt