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Autor
Myers, Benjamin

Offene See

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Beschreibung

Als Robert mit sechzehn Jahren die Schule beendet, scheint sein Weg klar vorgezeichnet: Er wird, wie Vater und Großvater im Bergwerk arbeiten, sein Leben unter Tage, im staubigen Dunkel verbringen und in dem keinen nordenglischen Bergarbeiterdorf Wearmouth seine Tage beschließen. Aber Robert ist nicht wie sein Vater und sein Großvater. Er will zumindest einmal, bevor er sich unter das Joch beugt, etwas anderes sehen: Eine andere Art von Leben, andere Menschen, andere Landschaften – am besten das Meer. So macht er sich zu Fuß auf den Weg und wandert gen Süden.

Eines Tages trifft er auf Dulcie, eine Frau unschätzbaren Alters, groß, hager, unverheiratet, unkonventionell, gastfreundlich, aber auch verschlossen – und dieser Tag ist für Robert der erste Schritt in ein anderes Leben.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
DuMont Buchverlag, 2020
Format
Gebunden
Seiten
270 Seiten
ISBN/EAN
978-3-8321-8119-2
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Benjamin Myers, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine Romane hat er mehrere Preise erhalten. Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.

Zum Buch:

Als Robert mit sechzehn Jahren die Schule beendet, scheint sein Weg klar vorgezeichnet: Er wird, wie Vater und Großvater im Bergwerk arbeiten, sein Leben unter Tage, im staubigen Dunkel verbringen, wird irgendwann eine eigene Familie haben und in dem kleinen nordenglischen Bergarbeiterdorf Wearmouth seine Tage beschließen. Aber Robert ist nicht wie sein Vater und sein Großvater. Schon in der Schule hatte er sich häufig eingesperrt gefühlt und war am glücklichsten, wenn er draußen in der Natur sein konnte, um Pflanzen und Tiere zu beobachten. Nun will zumindest einmal, bevor er sich unter das Joch beugt, etwas anderes sehen: Eine andere Art von Leben, andere Menschen, andere Landschaften – am besten das Meer. So macht er sich zu Fuß auf den Weg und wandert, ohne festen Plan, gen Süden

Es sind die Jahre kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, und in England sind die Folgen noch deutlich zu spüren. Viele Männer in den besten Jahren sind gefallen oder traumatisiert heimgekehrt, die Nahrungsmittel sind knapp, die Stimmung gedrückt. Robert wandert ohne festen Plan durch das dünnbesiedelte Land, schläft in Scheunen oder unter einem selbstgebauten Zelt im Freien. Er arbeitet, wo ein paar zupackende Hände gebraucht werden – zumeist für etwas zu essen oder einen Platz zum Schlafen. Er ist anspruchslos, und das freie Leben gefällt ihm. Eines Tages führt ihn sein Weg an ein Cottage an einer Senke, umgeben von wild wuchernden Wiesen und Gehölz. Dort wohnt Dulcie Piper, eine Frau unschätzbaren Alters, groß, hager, unkonventionell, gastfreundlich, aber auch verschlossen – und dieser Tag ist für Robert der erste Schritt in ein anderes Leben.

Durch Dulcie, die offenbar früher ein gänzlich anderes Leben geführt hat, lernt er eine andere Art von menschlichem Miteinander, von Freundschaft und Austausch kennen. Ein Interesse am anderen, aber auch an Kunst und Literatur. Irgendwann merkt er: er war nicht nur immer schon anders als seine Klassenkameraden oder seine Familie – er will auch etwas anderes. Auch wenn das bedeutet, das alte Leben aufzugeben und sich hinaus in etwas gänzlich Neues zu wagen.

Offene See ist die gradlinig und schnörkellos erzählte Geschichte eines Sommers, in dem ein junger Mann durch Zufall auf einen anderen Menschen trifft, der erkennt, welche Fähigkeiten in ihm schlummern, und ihm hilft, sie zu entdecken und sich zu trauen, ihnen zu folgen. Roberts Vertrauen in Dulcie wiederum ermöglicht es ihr, sich einem lange verschlossenen Schmerz zu stellen und ihn als Teil ihres Lebens anzunehmen.

Die Konstellation – „junger Mensch trifft alten Menschen“, die Begegnung verändert beide, Happy End – mag etwas abgenutzt sein. Was Offene See davor rettet, in Klischees abzugleiten, sind Benjamin Myers poetische Sprache, seine sinnlichen Naturbeschreibungen und der leise Humor. Der einzige Misston entsteht in der Figur der verstorbenen Dichterin Romy Landau, Dulcies großer Liebe, deren Verse, die natürlich vom Autor stammen, etwas zu überschwänglich gelobt werden – was einen seltsamen Beigeschmack hat. Den Spaß an der Geschichte schmälert das aber keinesfalls.

Ruth Roebke, Bochum