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Autor
Clavadetscher, Martina

Vor aller Augen

Untertitel
Beschreibung

Stellen Sie sich vor, Sie schlendern durch eine Gemäldegalerie, ein Porträt erregt Ihre Aufmerksamkeit, Sie bleiben stehen, um es näher zu betrachten – und dann hören Sie auf einmal eine Stimme. Die Frau auf dem Bild beginnt zu Ihnen zu sprechen! Sie sagt etwa: “Basta! Es wurde genug angeschaut!”, “Hier hänge ich. Liegen gelassen, hänge ich fest. …”, “Er kann nur malen und saufen und vögeln.” – oder: “Ja, meine Porträtbüste steht im Pantheon in Rom. Ich wusste von Anfang an, wo ich hin gehöre. Und da bin ich jetzt. (…) Ich!”

Die Schweizer Schriftstellerin Martina Clavadetscher hat sich 19 bekannte Gemälde, auf denen Frauen abgebildet sind, sehr genau angesehen, hat recherchiert und den dort Dargestellten eine Stimme gegeben. Zu lesen, was die Abgebildeten zu sagen haben, fügt dem Blick auf die – zumeist bekannten – Bilder eine neue Dimension hinzu und ist äußerst anregend und vergnüglich.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Unionsverlag, 2022
Format
Gebunden
Seiten
240 Seiten
ISBN/EAN
978-3-293-00587-7
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Martina Clavadetscher, geboren 1979, ist Schriftstellerin und Dramatikerin. Nach ihrem Studium der Deutschen Literatur, Linguistik und Philosophie arbeitete sie für diverse deutschsprachige Theater, gewann den Essener Autorenpreis und war für den Heidelberger Stückemarkt nominiert. Für ihren Roman Die Erfindung des Ungehorsams erhielt sie 2021 den Schweizer Buchpreis. Sie lebt in der Schweiz.

Zum Buch:

Stellen Sie sich vor, Sie schlendern durch eine Gemäldegalerie, ein Porträt erregt Ihre Aufmerksamkeit, Sie bleiben stehen, um es näher zu betrachten – und dann hören Sie auf einmal eine Stimme. Die Frau auf dem Bild beginnt zu Ihnen zu sprechen! Sie sagt etwa: “Basta! Es wurde genug angeschaut!”, “Hier hänge ich. Liegen gelassen, hänge ich fest. …”, “Er kann nur malen und saufen und vögeln”, oder: “Ja, meine Porträtbüste steht im Pantheon in Rom. Ich wusste von Anfang an, wo ich hin gehöre. Und da bin ich jetzt. (…) Ich!”

Die Schweizer Schriftstellerin Martina Clavadetscher hat sich 19 bekannte Gemälde, auf denen Frauen abgebildet sind, sehr genau angesehen und den dort Dargestellten eine Stimme gegeben. Die Porträtierten heißen Cecilia Galleriani, Waldburga Neuzil, Hendrickje Stoffels oder Angelika Kauffmann, sie sind Adlige, Bürgersfrauen, professionelle Modelle und/oder Geliebte der Maler. Bis auf eine Ausnahme – ein Selbstporträt – sind sie alle Objekte des Geschehens, so dargestellt, wie die Künstler und Künstlerinnen sie drapiert haben und sehen wollten. Auf ewig in einen Rahmen eingespannt, den Blicken preisgegeben, rufen die Stimmen den Betrachter*innen nun ihrICH” entgegen.

Es sind selbstbewusste Stimmen, die aus den Bildern zu uns sprechen, und doch sind die Frauen Objekte, den Regeln der Gesellschaft, der Gewalt von Vätern, Männern, Geliebten – auch der Maler und Malerinnen (!) – unterworfen, die sie in Kostüme stecken, sie Posen einnehmen lassen und sie dann den Blicken preisgeben. Opfer sind sie nicht! Selbst die überaus erfolgreiche Angelika Kauffmann weiß, auf welch dünnem Eis sie sich bewegt, und hütet sich, ihren Malerkollegen allzu offensichtlich Konkurrentin zu sein. So sind die Stimmen mal wütend, mal traurig, mal schadenfroh, mal boshaft, aber auch stolz.

In ihrem kurzen Nachwort nennt Clavadetscher ihren Text Die wunderbare Anmaßung der Fiktion, und in der Tat: Was sie die Abgebildeten erzählen lässt, fügt dem Blick auf die – zumeist bekannten – Bilder eine neue Dimension hinzu und ist eine äußerst anregende, vergnügliche Lektüre.

Ruth Roebke, Frankfurt a.M.