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Autor
Smith, Ali

Herbst

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Beschreibung

Was ist nicht schon alles über Ali Smiths Roman Herbst gesagt worden: Er sei ein Brexit-Roman, ein Roman über die Pop-Künstlerin Pauline Boty, über die Profumo-Affäre und Christine Keeler. Aber Ali Smiths Herbst ist vor allem eines: Ein unglaublich gut geschriebener Roman, der uns vor Augen führt, warum wir die Literatur so sehr lieben. Nicht, weil sie uns Fakten liefert, nicht, weil sie uns nochmals abbildet, was wir in der sogenannten Wirklichkeit bereits erlebt und vielleicht auch schon wieder vergessen haben, sondern weil sie die unangefochtene Künstlerin der Fiktion ist, weil sie fabulieren kann, weil sie eine phantastische Künstlerin ist.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Luchterhand Literaturverlag, 2019
Format
Gebunden
Seiten
272 Seiten
ISBN/EAN
978-3-630-87578-1
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Ali Smith wurde 1962 in Inverness in Schottland geboren und lebt in Cambridge. Sie hat mehrere Romane und Erzählbände veröffentlicht und zahlreiche Preise erhalten. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman »Beides sein« wurde 2014 ausgezeichnet mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award, dem Goldsmiths Prize und 2015 mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction. Mit »Herbst« kam die Autorin 2017 zum vierten Mal auf die Shortlist des Man Booker Prize.

Zum Buch:

Was ist nicht schon alles über Ali Smiths Roman Herbst gesagt worden: Er sei ein Brexit-Roman, ein Roman über die Pop-Künstlerin Pauline Boty, über die Profumo-Affäre und Christine Keeler. Aber Ali Smiths Herbst ist vor allem eines: Ein unglaublich gut geschriebener Roman, der uns vor Augen führt, warum wir die Literatur so sehr lieben. Nicht, weil sie uns Fakten liefert, nicht, weil sie uns nochmals abbildet, was wir in der sogenannten Wirklichkeit bereits erlebt und vielleicht auch schon wieder vergessen haben, sondern weil sie die unangefochtene Künstlerin der Fiktion ist, weil sie fabulieren kann, weil sie eine phantastische Künstlerin ist. Gerade noch tot am Ufer angeschwemmt, rennt Daniel Gluck wie ein junger Gott ins Gebüsch und versteckt sich zwischen den Blättern, ist selbst entzückt und beglückt, auf einmal wieder ein Knabe zu sein (diese „hübschen, jungen Füße“), ein andermal steckt er in einer schottischen Kiefer fest und ist auch darüber beglückt, es hätte ja auch eine Zwergkonifere sein können. Aber wer ist jetzt Daniel Gluck?

Wer will, der kann die Geschichte also auch so lesen: Elisabeth Demand, eine Kunsthistorikerin mit Lehrauftrag um die 30, besucht ihren ehemaligen Nachbarn und Freund, den knapp 100-jährigen Daniel Gluck, im Krankenhaus. Wann immer sie ihn besucht, schläft er. Daniel wird für Elisabeth nicht mehr aufwachen. Er schwebt zwischen Leben und Tod. Und von diesem Punkt an bekommen wir die ungewöhnliche Freundschaft der beiden erzählt. Elizabeth Demand ist 9 Jahre alt, als ihre Mutter den 80-jährigen Nachbarn Daniel Gluck fragt, ob er auf ihre kleine Tochter aufpassen kann. Aber Elisabeth geht bald auch gerne zu ihm, wenn die Mutter zu Hause ist. Denn anders als ihre alleinerziehende Mutter hat er Zeit, ihr die Welt zu zeigen, und das heißt bei Mr. Gluck: die Welt zu sehen, zu hinterfragen, was man sieht, es nochmals zu wenden und anders zu sehen, nochmals neu zu erzählen. Als die beiden einmal Spazieren gehen, erfinden sie ein neues Spiel, Bagatelle, in dem es ums Geschichtenerfinden geht: „Wer sind die handelnden Personen? … Ein Mann mit einer Waffe, sagte Elisabeth. Okay, sagte Daniel. Ich entscheide mich für jemanden, der in Gestalt eines Baumes auftritt. Eines was?, sagte Elisabeth. Auf keinen Fall. Sie müssen so was sagen wie noch ein Mann mit noch einer Waffe. Warum muss ich?, sagte Daniel.“

Mitten in der Konjunktur der Memoireliteratur, des autofiktionalen Schreibens, das mit dieser Volte natürlich die Authentizität zwar steigert, aber ohne sich ihrerseits tatsächlich aus dem Reich der Fiktionen zu verabschieden, ist es ein beinahe unbändiger Genuss sich der Literatur von Ali Smith hinzugeben.

Mit unglaublicher Leichtigkeit beschreibt die Schottin Smith unser reales Leben zwischen Pflegeheim und absurden Behördengängen, drohender Arbeitslosigkeit und Verzweiflung, aufkeimendem Nationalismus und Hassparolen. Aber die Literatur erscheint als realer Ausweg oder besser gesagt: Umweg in einen Denkraum hinein, in ein Reich des Denkbaren, aus dem der Weg schnurstracks zurück in die Realität führt. Dabei erzählt Smith mit so viel klugem Humor, dass man das Buch gleich ein zweites Mal lesen möchte. Aber es folgen ja bald noch Winter, Frühling und Sommer, auf Englisch längst schon erschienen.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt