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Der Leuchtturm

Autor
Rumiz, Paolo

Der Leuchtturm

Untertitel
Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl
Beschreibung

Paolo Rumiz berichtet von seinem Aufenthalt auf einer kleinen Mittelmeerinsel, deren Namen er nicht verrät und auf der nicht mehr als ein Leuchtturm steht. Hier verbringt er gemeinsam mit den zwei Leuchtturmwärtern ein paar Wochen– und beobachtet und denkt und notiert.

Diese Reise zu seinem Leuchtturm, diesem einäugigen Zyklopen mitten in der tosenden See, hat kontemplative Kraft, ohne weltfremd zu sein, sie ist eine Konzentration auf das Leben und unsere Gegenwart – auch oder gerade weil es auf der Insel keinen nennenswerten Handyempfang gibt, dafür aber fantastische Sternenhimmel und göttliche Meeresgründe: „Streifenbarben, Zahnbrassen, Umberfische, Meeraale, Muränen, Hummer, Drachenköpfe, Oktopusse …“.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Folio Verlag, 2017
Seiten
159
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-85256-716-7
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Paolo Rumiz, geboren 1947 in Triest, ist mit seinen eigenwilligen Büchern der erfolgreichste Reiseschriftsteller Italiens. Er berichtete für die Tageszeitung “La Repubblica” über den Afghanistan- und den Jugoslawien-Krieg. Zahlreiche Preise für sein journalistisches Engagement. Unzählige Essays,Romane und Erzählungen über seine Reisen innerhalb Italiens und an die entlegensten Orte Europas. Seine Bücher stehen kontinuierlich auf den italienischen Bestsellerlisten.

Zum Buch:

Paolo Rumiz schreibt seit Jahren für die Tageszeitung La Repubblica aus den Krisengebieten der Welt, vor allem über den Balkan, aber auch über Pakistan und Afghanistan. Sein Blick ist geprägt von dem Ort, in dem er seit seiner Kindheit lebt: Triest, eine Stadt, die die europäische Geschichte in sich eingeschrieben hat und zugleich die Idee von Nation ad absurdum führt. Die Stadt war österreichisch-ungarisch, kurze Zeit freies Gebiet, dann italienisch – und Rumiz definiert sich selbst in dieser Vielschichtigkeit als slawisch im Herzen, deutsch im kulturellen Ansatz, italienisch von der Sprache her und ein bisschen französisch, weil ihn seine ersten Reisen nach Frankreich führten und ihn die Erzählungen von Antoine de Saint-Exupéry, Nicolas Bouvier oder auch Bernard Moitessier stark geprägt haben. Viel zu wenig wurde bisher von diesem Autor ins Deutsche übertragen, aber welch ein Glück, dass der kleine Folio Verlag aus Bozen das bisher letzte Buch des Reiseschriftstellers übersetzen ließ: Il Ciclope, Der Leuchtturm.

Paolo Rumiz berichtet von seinem Aufenthalt auf einer kleinen Mittelmeerinsel, deren Namen er nicht verrät und auf der nicht mehr als ein Leuchtturm steht. Hier verbringt er gemeinsam mit den zwei Leuchtturmwärtern ein paar Wochen– und beobachtet und denkt und notiert. Seine Sprache ist so eingängig und schön, seine Gedanken sind so einladend und weltoffen, dass man sich mitten in diesem Paradies wähnt, das der Herrlichkeit und Brutalität der Natur ausgesetzt ist. „Das ist nicht meine Erzählung. Der Südwind und der Nordwind haben sie mir diktiert“, steht dem Buch als Motto voran, und man mag fast seine Haare zusammenbinden und die Jacke eng um sich schnüren, wenn der Libeccio, der Mistral, die Tramontana oder die Bora die Insel heimsuchen, wenn der Blitz einschlägt und der Regen niederprasselt. Man mag aber auch zur Küste wandern und den einäugigen Esel besuchen, der Zitronen liebt und der der heimliche König der Insel ist.

Wie Paolo Rumiz von der Naturbeobachtung und der Berichterstattung alltäglicher Handgriffe berichtet, das ist so konzentriert, dass selbst Brotbacken und Risottokochen, Barometer ablesen oder „die letzten Sandkörner zwischen den Zehen entfernen“ eine beinah mythische Dimension erhalten, denn selbstverständlich weiß Rumiz, in welch geschichtsträchtigem Gewässer sein kleines Eiland liegt, welche Völker und Kulturen hier vorbeigefahren sind, sich durchmischten und ihre Spuren hinterlassen haben, er weiß von den Argonauten und von Odysseus, aber auch von all den Menschen, die heute die Schiffe und Boote besteigen, um an der Insel vorbei Richtung Europa zu fahren: „Mein Meer ist ein Friedhof der Ertrunkenen.“ Und das war es schon immer, aber neben den Kriegen herrschte immer auch Handel und Kulturaustausch zwischen den Völkern. Der Fontego dei Turchi, die Handelsniederlassung der Türken in Venedig, wurde nie aufgegeben. Heute kommen und gehen versiegelte Container und Seeleute, die nicht mal einen halben Tag Landurlaub haben. Da kann kein Austausch stattfinden, keine Durchmischung, wie sie Rumiz noch aus dem alten Syrien kennt: „Es war ein Ort der Toleranz. Moslems und Christen gingen gemeinsam spazieren, und die Kirchen dieses islamischen Staates waren so voll wie nirgendwo sonst.“

Die Reise mit Paolo Rumiz zu seinem Leuchtturm, diesem einäugigen Zyklopen mitten in der tosenden See, hat kontemplative Kraft, ohne weltfremd zu sein, sie ist eine Konzentration auf das Leben und unsere Gegenwart – auch oder gerade weil es auf der Insel keinen nennenswerten Handyempfang gibt, dafür aber fantastische Sternenhimmel und göttliche Meeresgründe: „Streifenbarben, Zahnbrassen, Umberfische, Meeraale, Muränen, Hummer, Drachenköpfe, Oktopusse …“.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt