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Schäfchen im Trockenen

Autor
Stelling, Anke

Schäfchen im Trockenen

Untertitel
Roman
Beschreibung

Gewinnerin des Leipziger Buchpreises 2019 Sparte Belletristik

Freunde halten zusammen. Unterstützen einander. Auf sie kann man zählen. Aber Resi hat den Bogen überspannt. Freunde sagen einander immer die Wahrheit. Aber wie viel Wahrheit verträgt eine Freundschaft? Beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf. Nachdem einer dieser Freunde die Wohnung kündigt, in der Resi mit ihrer fünfköpfigen Familie lebt, vielleicht als Reaktion auf, vielleicht als Strafe für Resis Verhalten, steht für die Protagonistin und Schriftstellerin eines fest: die Zeit des „geht schon“ und „alles gut“ sind vorbei. Von nun an wird sie schonungslos offen sein. Niemand anderes kann die Autorin ihrer Geschichte sein, und wenn sie damit ihre Sicht über andere stellt, dann ist das so.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Verbrecher Verlag, 2018
Seiten
266
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-95732-338-5
Preis
22,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2004 wurde ihr gemeinsam mit Robby Dannenberg verfasster Roman „Gisela“ verfilmt, 2010 die Erzählung „Glückliche Fügung“. Weitere Veröffentlichungen: „Nimm mich mit“ (2002, gemeinsam mit Robby Dannenberg), „Glückliche Fügung“ (2004) und „Horchen“ (2010).

Anke Stelling stand mit ihrem im Verbrecher Verlag erschienenen Roman „Bodentiefe Fenster“ (2015) auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015. Zudem stand der Roman auf der Hotlist 2015 der unabhängigen Verlage und wurde mit dem Melusine-Huss-Preis 2015 ausgezeichnet. 2017 erschien ihr Roman „Fürsorge“ im Verbrecher Verlag.

Zum Buch:

Ulf, Friederike und Resi waren beste Freunde, als sie damals gemeinsam aus der Provinz nach Berlin kamen. Nichts konnte sie trennen, schon gar nicht das Einkommen ihrer Eltern. Und sie blieben beste Freunde, blieben auch in Berlin, heirateten und bekamen Kinder. Resi hat vier davon. Und sie ist Schriftstellerin, ihr Freund Sven ist Künstler. Die anderen Freunde ziehen gemeinsam in ein eigenes Haus, die K23. Resi und Sven können sich das nicht leisten; das Angebot, sich Geld von Friederikes Mann Frank zu leihen, schlagen sie aus. Dafür aber ziehen sie in Franks alte Wohnung zur Untermiete ein. „Ein Glück, jemanden mit einem zwölf Jahre alten Mietvertrag zu kennen, der ihn nicht mehr braucht.“ Doch dann veröffentlicht Resi ein Buch, über ihr Leben, ihre Mutter, ihre Familie und ihre Freunde. An dieser Stelle setzt Schäfchen im Trockenen ein. Nein, es setzt ein mit der Kündigung, die Frank an Resis Vermieter schickt. Und eine Kopie der Kündigung an Resi, zur Kenntnisname. Resi weiß, dass ist die Quittung dafür, dass sie „ihre schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit gewaschen“ hat. Schäfchen im Trockenen erzählt aus Resis Sicht die Ereignisse und den Alltag, der auf diesen Brief folgt. Sie trifft die Entscheidung, von nun an absolut ehrlich zu sein, besonders ihrer ältesten Tochter Bea gegenüber. Sie aufzuklären. Insbesondere über Besitzverhältnisse. Sie will sie mit Geschichten ausrüsten, als Werkzeug, als Waffen. Sie ist nicht länger bereit, „alles gut“ sein zu lassen.

Liest man in Schäfchen im Trockenen über die Er- und Einrichtung der K23, hat man sofort wieder die Schilderung der Bodentiefe(n) Fenster aus dem gleichnamigen Roman von Anke Stelling vor Augen. Viele Themen dieses Romans, der 2015 für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, werden hier wieder aufgenommen. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Anstatt wie die Protagonistin in Bodentiefe Fenster den Frust und die Unsicherheit ob der nicht eingelösten utopischen oder zumindest hoffnungsvollen Zukunftsideen in sich hineinzufressen, zu versuchen, alles zusammenzuhalten in der Hoffnung, dass dann doch noch „alles gut“ wird, kanalisiert Resi diesen Frust in ihrem Schreiben und Sprechen. Nicht, dass dadurch etwas besser würde, im Gegenteil. Aber es verändert den Tonfall des Textes und auch die Haltung. Zu den spannendsten Aspekten des Romans gehören Resis Kommentare und ihre Analysen von Ausdrücken und Formulierungen, wie „alles gut“, „weiß man doch“ oder „wie schaffst du das nur alles?“.

Wie gut Stellings Roman komponiert ist, merkt man erst auf den zweiten Blick. Auf den ersten wirkt der Text, als habe Resi ihn zwischen tausenden Unterbrechungen in ihrer Kammer hinter der Küche hastig und wütend zusammengeschrieben. Die Fiktion der „zweiten“ Erzählerin ist typisch für einige von Stellings Romanen. Bei näherem Hinsehen wird aber deutlich, wie gekonnt hier die verschiedenen Zeit- und Sprachebenen ineinandergreifen. Schäfchen im Trockenen liest sich schnell und ist dafür umso schwerer zu verdauen. Es ist eine Abrechnung mit dem stillschweigenden Einverständnis mit dem Bestehendes, mit dem aktiven Verschweigen von Missständen und dem andauernden „weiß man doch“. Es ist auch der Versuch, sich vorzustellen, was wohl passieren würde, wenn man anfinge, seine Geschichte aus der eigenen, begrenzten Perspektive selbst zu erzählen. Und es ist diese Idee, die einen nicht so einfach wieder loslässt.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt