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Die Gedächtnislosen

Autor
Schwarz, Géraldine

Die Gedächtnislosen

Untertitel
Erinnerungen einer Europäerin. Aus dem Französischen von Christian Ruzicska
Beschreibung

Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa verzeichnet der Rechtspopulismus in den letzten Jahren zunehmend Erfolge. Géraldine Schwarz, Tochter eines Deutschen und einer Französin, fragt sich als Europäerin, wie eine Zeit der menschlichen Grausamkeiten und des Mitläufertums so schnell in Vergessenheit geraten kann. In diesem unglaublich reichen Buch widmet sich Schwarz nicht nur der Geschichtsaufarbeitung in Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien und Ungarn, sondern auch der eigenen Familiengeschichte.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Secession Verlag für Literatur, 2018
Seiten
445
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-906910-30-7
Preis
28,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Géraldine Schwarz, geb. 1974, in Straßburg, ist eine deutsch-französische Journalistin und Dokumentarfilmerin. Die langjährige Deutschland-Korrespondentin 
der Agence France Presse (afp) publiziert heute in verschiedenen internationalen Medien. Seit mehreren Jahren recherchiert sie für ein größeres Projekt in den Archiven des Bundesnachrichtendienstes. Sie lebt in Berlin. Die Gedächtnislosen erschien im Herbst 2017 in Frankreich und wird derzeit in sieben Sprachen übersetzt.

Zum Buch:

Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa verzeichnet der Rechtspopulismus in den letzten Jahren zunehmend Erfolge. Géraldine Schwarz, Tochter eines Deutschen und einer Französin, fragt sich als Europäerin, wie eine Zeit der menschlichen Grausamkeiten und des Mitläufertums so schnell in Vergessenheit geraten kann. In diesem unglaublich reichen Buch widmet sich Schwarz nicht nur der Geschichtsaufarbeitung in Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien und Ungarn, sondern auch der eigenen Familiengeschichte.

Von ihrem Großvater väterlicherseits kann die Autorin mit Sicherheit sagen, dass er als Mitläufer von den Arisierungsgesetzen profitiert hat. Es existiert eine umfangreiche Firmenkorrespondenz, die belegt, dass Karl Schwarz im August 1938 nach den Arisierungserlassen die von den Brüdern Löbmann und deren Kompagnon Wilhelm Wertheimer gegründete Mannheimer Mineralölfirma zum damaligen Marktpreis, der in jeder Hinsicht unangemessen ist, ersteht. Mehr noch: Als Karl Schwarz die Einberufung droht, denunziert er seinen Firmenkompagnon Max Schmidt als Nicht-Parteimitglied und entgeht so dem Militärdienst.

Die jüdischen Familien Löbmann und Wertheimer sind mittlerweile auf ihrer Flucht in Les Milles und Drancy, den Todeslagern des Vichy-Regimes gelandet. Nur Julius Löbmann gelingt die Flucht nach Amerika, seine Familie wird in Auschwitz sterben. Im Vichy-Regime wiederum hat sich Géraldine Schwarz‘ Großvater mütterlicherseits als Gendarm verdingt.

Die persönliche Geschichte der Autorin macht nur einen Teil dieses umfangreichen Buches über die Geschichte des Dritten Reiches und deren Aufarbeitung – oder eben fehlende Aufarbeitung – in vielen europäischen Ländern bis in die heutige Zeit hinein aus. Aber sie ist ein wesentlicher Bestandteil, denn die persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ist das, was uns alle davor bewahren kann, rückfällig zu werden. Um mit der Autorin im Sinn Norbert Freis zu sprechen: Nicht zu wissen, wie man sich damals verhalten hätte, bedeutet nicht, nicht zu wissen, wie man sich hätte verhalten sollen. Ein großes und großartiges Stück Erinnerungsarbeit ist dieses Buch, das am 5. Dezember mit dem Europäischen Buchpreis 2018 ausgezeichnet wird.

Susanne Rikl, München