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Gefährlich schön

Autor
Hawksley, Lucinda

Gefährlich schön

Untertitel
Giftige Tapeten im 19. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Anke Albrecht
Beschreibung

Ein Buch über Tapeten. Nun ja. Über giftige Tapeten! Gefährlich schön heißt es, und so sieht es auch aus, und das nicht nur von außen: großes Format, fester, leuchtender Einband mit Prägung, innen wunderbare, nach Farben geordnete historische Tapetenmuster, die, wie heutige Tests nachwiesen, überwiegend arsenhaltig waren. Unterbrochen wird dieser Farbrausch durch eingeschobene Texthefte, die in unterschiedlichen Kapiteln eine kurze Geschichte des Arsens erzählen, seiner Gewinnung, seines in früheren Jahrhunderten überschwänglichen Gebrauchs in Kleidung, Haus und Garten, sowie der Tapetendesigner und Tapetenherstellung. Die Erkenntnis, dass diese handwerklichen Wunderwerke die Bewohner ihrer üppig ausgestatteten Wohnungen mit Arsen vergifteten, setzte sich erst langsam durch und führte am Ende zu einem der ersten Skandale wegen Schadstoffbelastung im Wohnumfeld. Gefährlich schön ist ein ästhetisches Vergnügen, ein erhellender Text und ein wundervolles Geschenk.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Gerstenberg Verlag, 2018
Seiten
256
Format
Gbunden
ISBN/EAN
978-3-8369-2138-1
Preis
45,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Lucinda Hawksley ist Expertin für die Kunst der Präraffaeliten und des Ästhetizismus. Sie schreibt über Sozialgeschichte, Literatur sowie über Leben und Werk ihres Urururgroßvaters Charles Dickens und hat bisher über zwanzig Bücher veröffentlicht.

Zum Buch:

Ein Buch über Tapeten. Nun ja. Über giftige Tapeten! Gefährlich schön heißt es und ist gestaltet wie ein altes Musterbuch: großes Format, fester, leuchtender Einband mit Prägung, innen wunderbare, nach Farben geordnete historische Tapetenmuster, die, wie heutige Tests nachwiesen, überwiegend arsenhaltig waren. Unterbrochen wird dieser Farbrausch durch eingeschobene Texthefte, die in unterschiedlichen Kapiteln eine kurze Geschichte des Arsens erzählen, seiner Gewinnung, seines in früheren Jahrhunderten überschwänglichen Gebrauchs in Kleidung, Haus und Garten, sowie der Tapetendesigner und der Herstellung. Der faszinierendste Teil handelt von der Auswirkung arsenhaltiger Farben, die eine bis dahin unerreichbare Leuchtkraft hatten, auf Tapeten und ist ein kleines Lehrstück zum Thema Umgang mit Schadstoffbelastungen, das dem Leser doch sehr bekannt vorkommt.

Der Niedergang der Arsenfarben beginnt mit Klagen von Menschen über unterschiedliche Beschwerden, die sie in ihren Wohnungen erlitten, über unerklärliche Todesfälle bei Kindern und ebenso unerklärliche Besserungen bei Veränderung des Aufenthaltsortes, zum Beispiel beim Urlaub am Meer – vorausgesetzt, man wohnte nicht in einem ebenso verseuchten Nobelhotel. Nach und nach werden Ärzte und Chemiker auf das Problem aufmerksam und beginnen, dem Phänomen nachzugehen. Die Zusammenhänge zwischen dem sich von den Tapeten lösenden arsenhaltigen Staub und den durch Feuchtigkeit entstehenden giftigen Dämpfen werden trotzdem nicht erkannt und Betroffene wie Fachleute lange für hysterisch gehalten. Bis die Nachweise, dass die Beschwerden Folgen von Arsenvergiftungen sind, unabweisbar werden und die ersten Länder beginnen, arsenhaltige Farben zu verbieten. Letztlich dauert es Jahrzehnte – zumindest in England –, obwohl inzwischen die Herstellung leuchtender Farben auch mit anderen Mitteln möglich ist, bis Arsen zur Farbenherstellung überall verboten wird und der Zusammenhang von Gesundheit und den Lebens- und Wohnbedingungen allgemein anerkannt ist.

Gefährlich schön ist eine kleine Kultur- und Mentalitätsgeschichte des Arsengebrauchs. Wie verführerisch die leuchtenden Farben für Stoffe und Tapeten waren, lässt sich an den wunderbaren Abbildungen im Buch leicht nachvollziehen. Das Thema ist ein bis heute aktuelles Beispiel dafür, wie Eigeninteressen in Wirtschaft und Politik sowie Unwissenheit und Gleichgültigkeit auf Seiten der Verbraucher eigentlich unhaltbare Zustände lange aufrecht erhalten. Wobei letztlich dann auch im 19. Jahrhundert die Verbraucher diejenigen waren, deren Macht zur Abschaffung der schädlichen Farben führte. Der Gesundheitszustand der Arbeiter in den Tapetenfabriken und der Handwerker, die sie in den Wohnungen anbrachten – und letztlich wieder entfernen mussten –, fand dagegen erst sehr spät Beachtung. An diesem Thema zeigt sich: der Gegenstand ändert sich, die Mechanismen der Verharmlosung bleiben die gleichen. So wunderbar verpackt hat man ein solches Thema selten dargeboten bekommen. Gefährlich schön ist ein ästhetisches Vergnügen, ein erhellender Text und ein wundervolles Geschenk – und mir ist jetzt endlich klar, warum man zu einer Farbe wie der des Einbands „giftgrün“ sagt.

Ruth Roebke, Bochum