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Walter Nowak bleibt liegen

Autor
Wolf, Julia

Walter Nowak bleibt liegen

Beschreibung

Wie lange er schon nackt im Badezimmer seines Hauses auf dem gefliesten Boden liegt, weiß Walter Nowak nicht zu sagen. Seine Frau Yvonne müsste bald von ihrer Tagung nach Hause kommen. Aber was wird er ihr dann erzählen? Und wird sie ihm zuhören? Wird sie überhaupt zurückkommen? In Erinnerungsbildern, die immer größere Kreise ziehen, blickt ein Mann von 68 Jahren zurück auf die letzten zwei Tage und dann weiter auf Szenen seines Lebens.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Frankfurter Verlagsanstalt, 2017
Seiten
200
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-627-00233-6
Preis
21,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Julia Wolf, 1980 in Groß-Gerau geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Für ihren Debütroman Alles ist jetzt (FVA 2015) erhielt sie den Kunstpreis Literatur 2015 der Brandenburg Lotto GmbH. Beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2016 las sie einen Auszug aus ihrem Roman Walter Nowak bleibt liegen, für den sie mit dem renommierten 3sat-Preis ausgezeichnet wurde.

Zum Buch:

Wie lange er schon nackt im Badezimmer seines Hauses auf dem gefliesten Boden liegt, weiß Walter Nowak nicht zu sagen. Seine Frau Yvonne müsste bald von ihrer Tagung nach Hause kommen. Aber was wird er ihr dann erzählen? Und wird sie ihm zuhören? Wird sie überhaupt zurückkommen? In Erinnerungsbildern, die immer größere Kreise ziehen, blickt ein Mann von 68 Jahren zurück auf die letzten zwei Tage und dann weiter auf Szenen seines Lebens.

Was ist eigentlich passiert in den letzten 48 Stunden? Walter Nowak hat Mühe, die Ereignisse in ihrer Reihenfolge zusammenzusetzen. Aber ein wenig darf hier vielleicht erzählt werden, ohne dem Text zuviel von seinen überraschenden Wendungen zu nehmen. Wie an jedem Tag seit dem Verkauf seiner Firma ist Walter Nowak nach der Abreise seiner Frau ins Schwimmbad aufgebrochen, um dort seine 1000 Meter zu schwimmen. Nicht übel für sein Alter, denkt er sich. Auch das, was er sonst noch so alles denkt, bekommt man eins zu eins mit. Wie er die blonde Mutter mit Pferdeschwanz auf ihrem Weg vom Kinder- bis zum Schwimmerbecken im Blick hat, bis sie neben ihm ihre Bahnen zieht und er es ihr im Becken zeigen will. Vor lauter Übereifer donnert Nowak wenig später mit dem Kopf gegen die Beckenwand. Nicht ohne Folgen, versteht sich. Auf der Flucht vor dem Sanitäter ins eigene Auto vergisst er, die Badekappe abzunehmen, und findet sich in diesem Aufzug vor dem Spiegel im eigenen Flur wieder.

Besonders sympathisch ist dieser Nowak nicht. Aber in dem Moment, in dem sich beim Leser die Frage auftut, wie man zu so einem Menschen wird, genau da beginnen die Erinnerungen an Nowaks Kindheit. An den aus dem Krieg heimgekehrten Großvater, der noch auf dem Bahnsteig zuallererst die Tochter für ihr uneheliches Kind ohrfeigt. Und man fängt an zu verstehen. Dieser schrittweise Prozess des Begreifens schreitet gleichzeitig mit der Rekonstruktion der letzten beiden Tage dieses Walter Nowak voran, und das ist nur eines der großartigen Elemente dieses Romans.

Phänomenal, wie hier in Gedankenfetzen und abgebrochenen Redewendungen Szenen einer ersten und einer zweiten Ehe aufgeblättert werden! Wie die gewählte Sprachform Denkmuster und tief verinnerlichte Klischees dieses Mannes entlarvt, wie er in Denken und Handeln schon längst entblößt ist, bevor er nackt auf den Fliesen seines Badezimmers landet. Für ihr sprachliches Meisterwerk erhielt Julia Wolf 2016 im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs den 3sat-Preis, 2017 wurde der Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Susanne Rikl, München