Drucken

Das Floß der Medusa

Autor
Franzobel

Das Floß der Medusa

Untertitel
Roman
Beschreibung

Theodore Géricaults Gemälde über das Schiffsunglück der Medusa hängt heute im Louvre. Die Kenntnis dieser vermeidbaren Katastrophe, Ergebnis haarsträubender Fehlentscheidungen eitler Affen aus dem Adelsstand, verdanken wir einem Zufall der Geschichte, denn zu gern hätten die Verantwortlichen das unrühmliche Kapitel aus den Annalen gestrichen. Franzobels großes Verdienst ist es, die vergangenen Ereignisse modern zu erzählen: Das ist kein historischer Schinken über längst vergangene Zeiten; was hier geschildert wird, geht uns heute noch an – und doch ist es ein Schmöker.

Verlag
Zsolnay Verlag, 2017
Seiten
592
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-552-05816-3
Preis
26,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Franzobel, 1967 in Vöcklabruck/Oberösterreich geboren, arbeitete bis 1991 als bildender Künstler mit gelegentlichen Ausstellungen. Dann schrieb er Romane, Satiren und Theaterstücke. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1995 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und 1998 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Er lebt in Wien.

Zum Buch:

Theodore Géricaults Gemälde über das Schiffsunglück der Medusa hängt heute im Louvre. Die Kenntnis dieser vermeidbaren Katastrophe, Ergebnis haarsträubender Fehlentscheidungen eitler Affen aus dem Adelsstand, verdanken wir einem Zufall der Geschichte, denn zu gern hätten die Verantwortlichen das unrühmliche Kapitel aus den Annalen gestrichen. Franzobels großes Verdienst ist es, die vergangenen Ereignisse modern zu erzählen: Das ist kein historischer Schinken über längst vergangene Zeiten; was hier geschildert wird, geht uns heute noch an – und doch ist es ein Schmöker.

Als am 17. Juni 1816 die französische Fregatte Medusa den französischen Hafen von Rochefort in Richtung St Louis (in der eben erst wiedergewonnenen Kolonie Senegal gelegen) verlässt, sind bereits zwei Fehlentscheidungen getroffen worden, die wie ein Damoklesschwert über dieser Reise schweben. Mit an Bord sind der kleine Viktor, der auf der Suche nach Abenteuern von zu Hause ausgebüxt ist, der neue Gouverneur des Senegal, Monsieur Schmaltz, mitsamt seiner Familie, der Forschungsreisende Adolphe Kummer, der zweite Schiffsarzt Henri Savigny, der Missionar Maiwetter, der sich auf die Bekehrung der Wilden vorbereitet, die drei Lafitte-Schwestern, die ein Kaufhaus in St Louis eröffnen wollen, und die Familie Picard, die mit Baumwollplantagen und Sklavenhandel das schnelle Geld machen will – alles zusammen etwa 400 Passagiere. Und das sind fast doppelt so viele Menschen, wie in die Rettungsboote passen. Das war die erste Fehlentscheidung.

Die zweite Fehlentscheidung personifiziert sich in dem zum Kapitän berufenen Hugues Duroy de Chaumarey. Was ihn für diesen Posten auszeichnet? Er ist Royalist. Erfahrung zur See und Anzahl der manövrierten Schiffe? Keine. De Chaumarey ist sich seiner Anmaßung bewusst, aber statt die Macht in die Hände der erfahrenen Offiziere zu legen, überlässt er sich panisch dem nächstbesten Hochstapler. Das menschliche Miteinander an Bord ist erbärmlich, nichts erinnert daran, dass sich hier eine Gesellschaft versammelt, die gerade mal 25 Jahre zuvor die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in die Welt getragen hat.

Als allen Warnungen zum Trotz de Chaumarey seinen Kurs nicht ändert und die Medusa auf Grund läuft, kann man beinahe nicht glauben, mit welcher Überheblichkeit und Borniertheit der Kapitän weiter agiert. Weder die königlichen Kanonen lässt er über Bord werfen – möglicherweise hätte man mit weniger Gewicht das Schiff freibekommen – noch lässt er die Guillotine zurück, die immerhin 10 weiteren Schiffbrüchigen den Platz wegnimmt.

Über 150 sind ohne Rettungsboot, für sie wird notdürftig ein Floß gezimmert, auf dem sie dichtgedrängt hüfthoch im Wasser stehen. Noch sind sie voller Hoffnung; die Rettungsboote ziehen sie in Richtung des ersehnten Landes – bis die Seile gekappt werden. Eine grauenvolle Fahrt beginnt, mit eingeklemmten Gliedmaßen, Notamputationen, Wahnsinnigen, Höllenszenen und sardonischen Tänzen, Mord und massenweisem Selbstmord. „Wer hätte gedacht, dass fünfzig Stunden reichen würden, um Menschen in Kannibalen zu verwandeln? Kolonisten, die den Wilden europäische Werte vermitteln sollten, hatten sich in Menschenfresser verwandelt. Hatte dieses Grauen irgendeinen Sinn?“ Gegen diese Schilderungen ist Géricaults Gemälde hemmungslos geschönte Salonmalerei.

Gerade einmal 14 von 147 Menschen können sich retten, darunter der Schiffsarzt Henri Savigny, dem die Nachwelt den Bericht über diese Höllenfahrt verdankt. Bei seiner Rückkehr aus dem Senegal nach Frankreich erhielt er keinerlei Hilfe, keines der Opfer eine Entschädigung, niemand wollte zuhören, niemand wollte sehen, was geschehen war. Lieber verbot man Savignys Bericht – man fürchtete die Demoralisierung der patriotischen Seele und die nationale Demütigung.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt