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Weites Land

Autor
Meurisse, Catherine

Weites Land

Untertitel
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Ab 16 Jahre
Beschreibung

Die Wand ist glatt und blau. Catherine nimmt einen Stift und zeichnet damit ein Rechteck auf die Wand, einen Rahmen – eine Tür. Durch die hindurch tritt sie auf ein Feld voller Sonnenblumen und zurück in ihre Kindheit.

Direkter kann man die Magie des Comics nicht beschreiben. Er öffnet der Zeichnerin und damit auch uns Leser*innen Türen und einen Zugang zu Welten, die im Alltag nicht ohne weiteres zu betreten sind.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Carlsen Verlag, 2019
Seiten
96
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-551-73427-3
Preis
18,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Catherine Meurisse studierte Französisch und Literatur in Poitiers und anschließend Illustration – zunächst an der Estielle Schule in Paris und später an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs. Während dieser Zeit entstehen ihre ersten professionellen Illustrationen.

Zum Buch:

Die Wand ist glatt und blau. Catherine nimmt einen Stift und zeichnet damit ein Rechteck auf die Wand, einen Rahmen – eine Tür. Durch die hindurch tritt sie auf ein Feld voller Sonnenblumen und zurück in ihre Kindheit.

Direkter kann man die Magie des Comics nicht beschreiben. Er öffnet der Zeichnerin und damit auch uns Leser*innen Türen und einen Zugang zu Welten, die im Alltag nicht ohne weiteres zu betreten sind. Die Welt in Weites Land, der neuen Graphic Novel von Catherin Meurisse, ist zunächst eine sehr konkrete Welt. Catherines Eltern kaufen Ende der 80er Jahre einen verlassenen Bauernhof auf dem platten Land, eine Stunde südlich von Paris. Sie kultivieren das Land nach ökologischen und literarischen Gesichtspunkten; Catherine und ihre Schwester wachsen zwischen Ablegern und Ziegen mit Pierre Loti und Marcel Proust auf. Prosaische Dinge wie die Pubertät oder ein dort geplanter Freizeitpark stören in dieser Kindheit, die wie ein großes Spiel anmutet, nur am Rande. Der Besuch des Louvre und die Entdeckung der Malerei von Corot, Caravaggio und Friedrich bringt die kleine Catherine zum Malen. Sie entdeckt die Karikatur. Die ersten Schritte ihrer in Frankreich so erfolgreichen Karriere sind gemacht.

Für Meurisse ist Weites Land eine Suche nicht nur nach der verlorenen Zeit, sondern auch nach den Quellen, die sie zu dem gemacht haben, was sie ist. Und nach den Quellen der Kraft, derer sie sich versichern muss. Catherine Meurisse arbeitet für die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Durch einen Zufall war sie nicht in der Redaktionssitzung, bei der am 7. Januar 2015 zwölf Menschen von zwei islamistischen Terroristen ermordet wurden. Sie hatte verschlafen, verspätete sich und überlebte. Schon in Die Leichtigkeit, ihrem letzten Comic, beschreibt sie den Verarbeitungsprozess des Traumas. In der aktuellen Graphic Novel geht es nicht mehr explizit um den Anschlag, aber die gewalttätige Gegenwart ist ein Resonanzboden für die Suche nach Catherines Wurzeln auf dem Land und in der Natur.

Weites Land ist der Traum von einer glücklichen Kindheit. Immer dann, wenn die Erzählung in eine belehrende oder idealisierende Richtung abzugleiten droht, wird das von Meurisses sehr direktem Humor gebremst. „Und wenn ein wenig Träumen seine Gefahr hat, so ist es nicht weniger Traum, was dagegen hilft, sondern mehr Traum, der ganze ungebrochene Traum.“ Das schreibt Marcel Proust, „der Freund der Familie“ (Meurisse). Ihr wunderbarer Comicband ist der Versuch, den Traum einer inspirierenden, stärkenden Kindheit noch einmal zu träumen.

Jakob Hoffmann, Frankfurt a.M.