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Der Platz

Autor
Ernaux, Annie

Der Platz

Untertitel
Aus dem Französischen von Sibja Finck
Beschreibung

Wenn einem Autor mit einem Buch der Durchbruch gelingt, beginnen die Verlage, in schneller Folge – wenn vorhanden – frühere Werke zu publizieren, nicht in jedem Fall übrigens zum Besten des Autors. Bei Annie Ernaux, die 2017 mit ihrem Roman Die Jahre einen überwältigenden Erfolg erzielte, verhält es sich zum Glück anders. Ihr 1984 in Frankreich erstmals erschienener Roman Der Platz, den der Suhrkamp Verlag jetzt herausgebracht hat, kann sich mühelos mit Die Jahre messen. Es ist das Buch, mit dem sie zum ersten Mal ihre Methode erprobte, Einzelschicksale exemplarisch in die Klasse einzubetten, der die Personen entstammen. Hier ist es das Leben ihres Vaters, das sie auf gerade mal 95 Seiten erzählt, knapp, dicht, nüchtern und ungeheuer genau und bewegend.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp Verlag, 2019
Seiten
95
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-518-22509-7
Preis
18,00 EUR
Status
derzeit nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Bücher sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden.

Zum Buch:

Zwei Monate, nachdem Annie Ernaux die Prüfung für den Höheren Schuldienst bestanden hat, stirbt ihr Vater. Kurz danach entsteht ihr Wunsch, über den Vater zu schreiben, über ihr Verhältnis zu ihm und über die Distanz, die in ihrer Jugend zwischen ihnen entstanden ist. Aber sie merkt, dass die Form des Romans nicht geeignet ist. Sie will nicht „spannend oder berührend“ schreiben, sondern nur das, was sie wahrgenommen hat. Das Buch, das dann entsteht, könnte man als „soziologischen Roman“ bezeichnen, weil die Eigenschaften und Handlungen der Personen immer zu der Position zurückverfolgt werden, die sie im gesellschaftlichen Gefüge einnehmen. Es ist der Versuch, einer „objektiven Beschreibung“ so nahe wie möglich zu kommen.

Ernaux‘ Großvater war Analphabet und verdingte sich als Fuhrmann bei einem Großbauern in der Normandie. Seinen Sohn, Ernaux’ Vater, nahm er im Alter von zwölf Jahren aus der Schule und brachte ihn auf demselben Hof unter. Damit schien das Leben des Jungen vorgezeichnet. Aber mit dem Ersten Weltkrieg kam der Vater „hinaus in die Welt“, nach Paris und Lothringen, und die Uniform, die alle trugen, ließ die Unterschiede zwischen den Menschen verschwimmen. Nach dem Krieg arbeitet er in einer Fabrik. Er lernt Ernaux’ Mutter kennen. Sie eröffnen einen kleinen Laden, der aber für beide nicht genug zum Leben abwirft. Der Vater muss wieder als Arbeiter auf einer Großbaustelle, später in einer Raffinerie Geld verdienen. „Halb Händler, halb Arbeiter, mit einem Bein auf jeder Seite, zu Einsamkeit und Misstrauen verdammt.“ Die Mutter wird im Laden zur „Chefin“, der Vater steigt zum Vorarbeiter auf. Langsam geht es aufwärts. Sie bekommen eine Tochter, die mit 7 Jahren an Diphterie stirbt.

1940 wird Annie geboren, ein „Kriegskind“.1945 verlassen sie den bisherigen Wohnort und kehren nach Y… zurück, in die ursprüngliche Heimat der Familie. Sie finden ein Geschäft für Lebensmittel und Alkoholausschank, in dem beide arbeiten. In den ersten Jahren nach dem Krieg sind kleine Läden und Kneipen Orte gesellschaftlicher Zusammenkünfte, und die Eltern sind zufrieden. Annie besucht die Schule, lernt leicht und gut. Aber die Zeiten ändern sich, die Menschen verdienen mehr Geld und kaufen in „besseren“ Gegenden ein. Der Existenzkampf wird wieder härter. Ernaux geht auf die Oberschule, später auf das Lehrerseminar und studiert dann Literatur an der Universität. Schon in der Schulzeit entfernt sie sich zunehmend vom Milieu des Elternhauses. Die Kluft zwischen ihnen wird größer, sie beginnt, sich ihrer Herkunft zu schämen – und schämt sich für die Scham. Aber das Rollenkorsett, das alle einzwängt, erlaubt keinen Ausweg, und spätestens mit Annies Studium und dem „Aufstieg“ durch die Heirat mit einem Mann aus der Bourgeoisie ist die Entfremdung vollkommen.

Der Platz ist ein Buch über die unüberbrückbare Differenz zwischen Menschen aufgrund von gesellschaftlichen Zuschreibungen und deren Ausdrucksformen. Die Autorin schwelgt weder in Sozialromantik oder Verklärung der „kleinen Leute“, noch verurteilt sie die Defizite, in denen diese gefangen bleiben. Die Nüchternheit des Stils, das Aussparen der Emotionen, das Ernaux sich beim Schreiben auferlegt, und die Genauigkeit in der Darstellung der Personen und des Milieus rufen beim Lesen den gegenteiligen Effekt hervor. Annie Ernaux gibt ihrem Vater eine Würde zurück, die in seinem Leben, das von Existenzkampf und Minderwertigkeitsgefühl geprägt war, zu verschwinden drohte.

Am Ende des Buches steht einer der schönsten Sätze über den Vater: „Vielleicht sein größter Stolz, sogar sein Lebenszweck: dass ich eines Tages der Welt angehöre, die auf ihn herabgeblickt hatte.“

Ruth Roebke, Bochum