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Wir heimatlosen Weltbürger

Autor
Marsili, Lorenzo; Milanese, Niccolò

Wir heimatlosen Weltbürger

Untertitel
Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer
Beschreibung

Eine der wirtschaftlich prosperiendsten Regionen unseres Planeten – Europa – liegt auf dem Seziertisch von Lorenzo Marsili und Niccolò Milanese Wir heimatlosen Weltbürger.
Europa gleicht einem Kontinent, der sich selbst zerreißt. Nach zehn Jahren der Krise durchziehen vielfältige Brüche und Konflikte die EU: Norden gegen Süden, Osten gegen Westen, Bürger gegen Institutionen. Zugleich hat diese Dekade jedoch gezeigt, was Europäerinnen und soziale Bewegungen erreichen können, wenn sie über Grenzen hinweg zusammenarbeiten.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp Verlag, 2019
Seiten
280
Format
Taschenbuch
ISBN/EAN
978-3-518-12736-0
Preis
18,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Lorenzo Marsili, geboren 1984, ist mit Niccolò Milanese Gründer der Organisation European Alternatives, die sich für ein demokratischeres, gerechteres und kulturell offenes Europa einsetzt. Neben Yanis Varoufakis gehörte Marsili 2016 zu den Initiatoren der paneuropäischen Bewegung DiEM25.

Niccolò Milanese, geboren 1984, ist mit Lorenzo Marsili Gründer der Organisation European Alternatives, die sich für ein demokratischeres, gerechteres und kulturell offenes Europa einsetzt.

Zum Buch:

Eine der wirtschaftlich prosperiendsten Regionen unseres Planeten – Europa – liegt auf dem Seziertisch von Lorenzo Marsili und Niccolò Milanese. Ihr Buch: Wir heimatlosen Weltbürger. Die Diagnose: Ein Verbund von Ländern, dessen Mitglieder sich unter lukrativen Vorbedingungen zu einem gemeinsamen Europa zusammenschließen wollten; das Ergebis: Solidarität ist heute eine Einbahnstraße und finanzielle Zuwendungen zu Gunsten der Gemeinschaft oder gemeinschaftlicher Problemlösungen existieren nicht.

In dieser Gemengelage nationaler Egoismen sind Therapien eine Sisyphusarbeit. Die beiden Autoren gehen sie an mit dem Hinweis auf unendlich viele Initiativen, die dem transnationalen Gedanken verpflichtet sind. Die Erfolge aber halten sich in Grenzen.

Dutzende von politischen Initiativen, ob sozialistisch oder antifaschistisch geprägt, sind gescheitert. Internationale Organisationen sind meist wirtschaftlicher Natur: WTO, Weltwirtschafts-Forum und in seinem Gefolge das Weltsozialforum, das nach 2008 seine Stoßkraft verloren hat. Gewerkschaftliche Forderungen, die über nationales Rahmendenken hinausgehen, oder die Frauenbewegung bleiben in den nationalen Sandburgen einer unwilligen Politikerkaste stecken, die sich in milder Arroganz oder auch dummdreist über Versuche lustig macht, eine menschenfreundliche übernationale Politik zu fordern. Wo marktkonforme Politik Urstände feiert, ist übergreifendes solidarisches Denken nicht erwünscht. Auf dieser Ebene ist der Begriff der Transnationalität, der die Kleingeisterei nationaler Befindlichkeiten hinter sich lässt, ein zwar sperriges, aber doch einleuchtendes Schlagwort.

Wie weit sind Verträge international bindend, wenn jeder Staat sich anmaßt, nur die ihm genehmen Rosinen herauszupicken? Wozu internationale Verträge?

Die größte Herausforderung, der sich die Europäer hätten stellen müssen, ist die Wanderungsbewegung aus den armen, den kriegsgeschüttelten Staaten, den Staaten, die Europa ausgeplündert hat. Hier ist die Solidarität einer 5oo Millionen Menschen starken Gemeinschaft schändlich gescheitert. Der Grund? Siehe oben.

Transnationalität: Ist das nicht alter Wein in neuen Schläuchen? Nein, sagen die Autoren. Europa muss den nationalstaatlichen Rahmen hinter sich lassen, sich einlassen auf ein fast anarchistisches Prinzip, bei dem jeder Einzelne aus Einsicht und in Entscheidung an einem großen Einigungswerk mitarbeitet, jenseits aller nationalen Kungeleien. Es müsste ein individualistisches, solidarisches Europa sein: EUROTOPIA.

Wo sollen wir anfangen? Archimedes sagte zu seiner Zeit: Gib mir einen festen Punkt und ich werde die Erde bewegen. Wir müssen es auch ohne festen Punkt wagen. Alles andere wäre Defätismus.

Marsili und Milanese versuchen, die Europäer aus ihrer (selbstverschuldeten) politischen Passivität aufzurütteln. Bei ihrem Schlusswort klingeln einem die Ohren: „Transnationalismus oder Barbarei.“

Notker Gloker, Heiligenberg