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Kleines Land

Autor
Faye, Gaël

Kleines Land

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große
Beschreibung

„Wenn man ein Land verlässt, nimmt man sich Zeit, um sich von den Menschen, den Dingen, den Orten zu verabschieden, die man geliebt hat. Ich habe das Land nicht verlassen, ich bin geflohen. Ich habe die Tür hinter mir weit offen gelassen und bin gegangen, ohne mich umzudrehen.“

Dies ist nur einer der hochaktuellen Gedanken des Ich-Erzählers Gabriel, der uns in Kleines Land daran erinnert, dass ein Zuhause ein unschätzbarer Ort ist. Kleines Land ist ein eindrucksvolles und wunderbares Buch über eine glückliche Kindheit voller Freiheit, Freundschaft, und Lebenslust, aber auch über Krieg, unfassbare Grausamkeit und die Brutalität, die es manchmal bedeutet, erwachsen zu werden. (ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Piper Verlag, 2017
Seiten
224
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-492-05838-4
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Gaël Faye, 1982 in Burundi geboren, wuchs als Kind einer ruandischen Mutter und eines französischen Vaters auf, bevor er 1995 als Folge des Bürgerkriegs nach Frankreich flüchten musste. Nach dem Ende seines Wirtschaftsstudiums arbeitete er zwei Jahre als Investmentbanker in London, bevor er nach Frankreich zurückkehrte, um dort als Autor, Musiker und Sänger zu arbeiten. Sein erster Roman »Kleines Land« war nominiert für den Prix Goncourt und erhielt unter anderem den Prix Goncourt des Lycéens.

Zum Buch:

„Wenn man ein Land verlässt, nimmt man sich Zeit, um sich von den Menschen, den Dingen, den Orten zu verabschieden, die man geliebt hat. Ich habe das Land nicht verlassen, ich bin geflohen. Ich habe die Tür hinter mir weit offen gelassen und bin gegangen, ohne mich umzudrehen.“

Dies ist nur einer der hochaktuellen Gedanken des Ich-Erzählers Gabriel, der uns in Kleines Land daran erinnert, dass ein Zuhause ein unschätzbarer Ort ist. Etwas, wonach wir uns oft genug sehnen, wenn wir nicht dort sein können, oder etwas, das der Mensch sucht, wenn er eine Heimat verlassen musste. Diese Ebene des Romans des jungen Musikers und Autors Gaël Faye bildet den historischen Hintergrund einer Kindheit in Burundi. Die wunderbar sinnliche und mitreißende Beschreibung der fröhlichen, erfüllten Kindheitstage Gabriels wird langsam, aber unaufhaltsam überlagert von der Grausamkeit des sich anbahnenden Genozids im Nachbarland Ruanda.

Kann ein Roman es schaffen, die Vorgeschichte und unaufhaltsame Eskalation eines Völkermordes mitten in Afrika aus der Sicht eines Jungen so zu beschreiben, dass wir 1. das Buch nicht sofort wieder aus der Hand legen wollen, wenn wir erfahren worum es geht, und 2. uns von der Beschreibung einer glücklichen Kindheit in Burundi so berühren lassen, dass Afrika plötzlich gar nicht mehr so fern, so anders erscheint? Fayé ist diese schwierige Gratwanderung gelungen, und das liegt vielleicht auch an der spürbaren Liebe zu dem Land seiner Kindheit, von der dieses Buch trotz aller Schonungslosigkeit des zweiten Teils der Geschichte durchdrungen ist.

Gabriel wächst als Sohn einer ruandischen Mutter und eines französischen Vaters im kleinen Land Burundi auf. Gemeinsam mit seinen Freunden ist er Tag für Tag in der vor Hitze surrenden Stadt Bujumbura unterwegs, erkundet seine Umgebung, erlebt Freundschaft, Verbundenheit, Liebe und Sehnsucht nach einer fernen französischen Brieffreundin und genießt intensiv die Freiheit beim Überschreiten der kindlichen Grenzen. Trotz innerfamiliärer und interkultureller Konflikte muten Fayés Kindheitserinnerungen paradiesisch an, nicht nur, aber auch im Kontrast zu der Hölle, in die seine Welt nach den ersten demokratischen Wahlen stürzt. In Ausschnitten werden wir an die 90er Jahre erinnert, an die Geschichte der Feindschaft zwischen Hutu und Tutsi, die sich über Jahrhunderte entwickelt hatte, sich auch durch europäische Einmischungen immer weiter verstärkte und in dem Völkermord gipfelte, der mit seinen Hunderttausenden von Opfern sogar die Nachrichten in Deutschland erreichte.

Fayé schreibt „Wir hatten uns an die Vorstellung gewöhnt, jederzeit sterben zu können. Der Tod war keine ferne, abstrakte Angelegenheit mehr. Er hatte das vertraute Antlitz des Alltäglichen“, und rückt damit nicht nur die Geschichte von Gabriel und seiner Familie in unsere Nähe, sondern auch die der tausenden Menschen, die heute unsere Nachrichten bevölkern und Teil der politischen Diskussionen sind. Kleines Land führte in Frankreich monatelang die Bestsellerliste an, war für alle wichtigen Literaturpreise nominiert und gewann unter anderem den Prix Goncourt des Lycéens.

Kleines Land ist ein eindrucksvolles und wunderbares Buch über eine glückliche Kindheit voller Freiheit, Freundschaft, und Lebenslust, aber auch über Krieg, unfassbare Grausamkeit und die Brutalität, die es manchmal bedeutet, erwachsen zu werden.

Und wer Lust hat, sich auch auf Gaël Fayés musikalische Umsetzung von Kleines Land einzulassen, kann dies im Internet unter https://www.youtube.com/watch?v=XTF2pwr8lYk tun. Sehr empfehlenswert!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt