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Ikarien

Autor
Timm, Uwe

Ikarien

Untertitel
Roman
Beschreibung

Der junge deutsch-amerikanische Geisteswissenschaftler Michael Hansen hat sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und wird im April 1945 in geheimer Mission nach Deutschland geschickt. Er soll alles über Alfred Ploetz herausfinden, einen der beiden Begründer der Eugenik im Dritten Reich. Hansens Weg führt nach München, in ein Schwabinger Antiquariat. Dort trifft er auf den Dissidenten Wagner, der Zeit seines Lebens mit Ploetz und dessen Familie in Kontakt stand. Uwe Timm wagt in diesem Roman den direkten Blick mitten in ein menschenverachtendes System, das von Millionen aktiv und passiv errichtet und gestützt worden ist. Ein bewegender, erhellender, durchaus freundlich gesinnter, weiser Roman.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2017
Seiten
512
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-462-05048-6
Preis
24,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Uwe Timm, geboren 1940, freier Schriftsteller seit 1971. Sein literarisches Werk erscheint im Verlag Kiepenheuer & Witsch, zuletzt Vogelweide, 2013, Freitisch, 2011, Am Beispiel eines Lebens, 2010, Am Beispiel meines Bruders, 2003, mittlerweile in 17 Sprachen übersetzt, Der Freund und der Fremde, 2005, und Halbschatten, Roman, 2008. Uwe Timm wurde 2006 mit dem Premio Napoli sowie dem Premio Mondello ausgezeichnet, erhielt 2009 den Heinrich-Böll-Preis und 2012 die Carl-Zuckmayer-Medaille.

Zum Buch:

Der junge deutsch-amerikanische Geisteswissenschaftler Michael Hansen hat sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und wird im April 1945 in geheimer Mission nach Deutschland geschickt. Er soll alles über Alfred Ploetz herausfinden, einen der beiden Begründer der Eugenik im Dritten Reich. Hansens Weg führt nach München, in ein Schwabinger Antiquariat. Dort trifft er auf den Dissidenten Wagner, der Zeit seines Lebens mit Ploetz und dessen Familie in Kontakt stand. Uwe Timm wagt in diesem Roman den direkten Blick mitten in ein menschenverachtendes System, das von Millionen aktiv und passiv errichtet und gestützt worden ist. Ein bewegender, erhellender, durchaus freundlich gesinnter, weiser Roman.

Der Antiquar Wagner ist 80, er hinkt. Hansen, dem jungen amerikanischen Offizier mit deutschen Wurzeln, der eine Villa am Ammersee als Unterkunft beschlagnahmt, wird Wagner sein Leben erzählen. Lange hat er auf diesen Moment gewartet.

Mit 19 Jahren lernt Wagner den dynamischen Alfred Ploetz in Breslau auf einer Veranstaltung der Pacific kennen und wird in diesem Verein, der ein Gemeinwesen auf sozialistischer Grundlage plant, selbst Mitglied. 1884 reist er mit Ploetz nach Amerika, um in Iowa die Kommune der Ikarier zu besuchen, die nach Étienne Cabets Entwurf die technischen Produktionsmittel im Gemeinbesitz nutzen sollte, um allen Mitgliedern in gleichem Maß ein Leben in Wohlstand zu ermöglichen. Ernüchtert von den Erfahrungen in der Kommune trennen sich nach diesem Besuch die ideologischen Wege der Freunde. Während Wagner Zeit seines Lebens nach funktionierenden Modellen sozial ausgerichteter Gemeinschaften sucht – und wegen seiner politischen Gesinnung ins KZ Dachau eingeliefert wird – glaubt Ploetz den Grund für das Nichtfunktionieren der Kommune in den unterschiedlichen biologisch-genetischen Voraussetzungen der Mitglieder zu erkennen. Schon in Amerika betreibt er erste Studien zu seinem Entwurf der Eugenik. Bis zu Ploetz’ Tod im Jahr 1940 bleiben die beiden so unterschiedlichen Männer dennoch in Kontakt.

Vielschichtig sind die Gespräche zwischen dem jungen Offizier und dem deutschen Sozialisten. Noch differenzierter wird der Blick auf die Jahre von 1884 bis 1945 durch die eingestreuten Tagebuchnotizen des amerikanischen Offiziers und dessen Erlebnisse in seinem Geburtsland.

Ikarien erzählt vom Scheitern der sozialistischen Utopie und gleichzeitig davon, wie schnell Menschen bereit sind, um des Erreichens eigener Ziele willen ihre Seele zu verkaufen. Der fesselnde, reiche Roman taucht tief ein in das Jahr 1945 und zeigt neben den Bildern des ersehnten, wenn auch schrecklichen Kriegsendes solche des hoffnungsvollen Neubeginns.

Susanne Rikl, München