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Kriegslicht

Autor
Ondaatje, Michael

Kriegslicht

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Anna Leube
Beschreibung

London 1945. Der Krieg ist vorbei, die Folgen der deutschen Bombardements sind überall zu sehen und zu spüren. Der vierzehnjährige Nathaniel und seine ältere Schwester Rachel werden von ihren Eltern in der Stadt zurückgelassen, weil der Vater beruflich nach Asien versetzt wurde. Die Kinder bleiben in ihrem Haus in London unter der Obhut eines undurchsichtigen Bekannten der Eltern. „Falter“ nennen sie den seltsamen Mann, den sie genau wie seine ebenso dubiosen Freunde, die ins Haus kommen, für Kriminelle halten. Da die Fremden sich freundlich um sie kümmern, gewöhnen sie sich an den seltsamen Zustand. Aber dann entdeckt Rachel im Keller den Schrankkoffer, den die Mutter vor ihren Augen vor dem Abflug gepackt hatte…
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hanser Verlag, 2018
Seiten
320
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-446-25999-7
Preis
24,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Michael Ondaatje, 1943 in Sri Lanka geboren, lebt heute in Toronto. Mit seinem Roman Der englische Patient (Hanser, 1993), für den er den Man Booker Prize und zum 50-jährigen Jubiläum des Preises im Jahr 2018 den Golden Man Booker Prize erhielt, wurde er weltberühmt.

Zum Buch:

London 1945. Der Krieg ist vorbei, die Folgen der deutschen Bombardements sind überall zu sehen und zu spüren. Der vierzehnjährige Nathaniel und seine ältere Schwester Rachel werden von ihren Eltern in der Obhut eines undurchsichtigen Bekannten von ihnen zurückgelassen, weil der Vater beruflich nach Asien versetzt wurde. „Falter“ nennen sie den seltsamen Mann, den sie genau wie seine ebenso dubiosen Freunde, die immer häufiger ins Haus kommen, für Kriminelle halten. Da die Fremden sich jedoch freundlich um sie kümmern, gewöhnen sie sich an den seltsamen Zustand, der ihnen auch neue, bislang unbekannte Freiheiten beschert. Aber dann entdeckt Rachel im Keller den Schrankkoffer, den die Mutter vor ihren Augen vor ihrem Abflug gepackt hatte. Jahre später, nach dem gewaltsamen Tod der Mutter, versucht Nathaniel, die Wahrheit über die Geschehnisse in seiner Jugend herauszufinden – falls es so etwas wie „eine Wahrheit“ überhaupt gibt.

Kriegslicht ist kein Entwicklung-, kein Abenteuer-, kein Kriminalroman, aber das Buch hat von allem etwas, und das macht seine Vielschichtigkeit und Spannung aus. Erzähler ist Nathaniel, und der erste Teil des Buches handelt von der Zeit, als die Eltern verschwanden und ihn und Rachel zurückließen. Er spielt in einer Atmosphäre romantischer Düsternis und geheimnisvoller Spannung, ist voller skurriler Gestalten und seltsamer Abenteuer. Nichts und niemand scheint eindeutig. Vieles geschieht nachts, in halb verlassenen Gegenden, mangelhaft beleuchteten Häusern, düsteren Straßen. Nathaniel schließt sich einem Freund des „Falters“ an, der „Boxer“ genannt wird und sein Leben offensichtlich mit illegalem Schmuggel von Windhunden und Wettbetrügereien bestreitet. In den Schulferien arbeitet der Junge als Geschirrspüler in Restaurants, die der Falter zu verwalten scheint. Hier lernt er auch Agnes kennen, seine erste Liebe. Irgendwann wird dieses Leben für Nathaniel selbstverständlich und er fragt nicht, was mit ihm und um ihn herum geschieht. So bleibt auch der Leser in einer Stimmung des Vagen, nicht Greifbaren gefangen, die manchmal durch Sätzen wie „Schon damals hätte ich es wissen müssen.“ gesteigert wird.

In Teil zwei spricht der erwachsene Nathaniel. Er erzählt vom Leben mit der Mutter nach deren Rückkehr, als sie in einer einsamen Gegend in Sussex wohnten und er vergeblich versucht, etwas über ihr Leben und ihre Tätigkeiten während und nach der Kriegszeit zu erfahren. Jahre später, nach dem gewaltsamen Tod der Mutter, als er im Archiv des Geheimdienstes arbeitet, versucht er, dort auf ihre Spur zu kommen und herauszufinden, was zu erzählen sie sich konsequent geweigert hatte. Aus den Bruchstücken, die er über sie, über den Falter, den Boxer und anderen Menschen aus der damaligen Zeit herausfindet, versucht er jedoch vergeblich, sich ein stimmiges Bild zu machen. Letztlich füllt er die Leerstellen durch seine Imagination auf und erzählt ihr Leben wie einen Roman.

Nach dem atmosphärisch unglaublich dichten ersten Teil wirkt der zweite zunächst ziemlich nüchtern – ohne an Spannung einzubüßen. Tritt man jedoch etwas zurück und betrachtet nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form des Buches, erweist sich dieses Stilmittel, das wie ein Bruch wirkt, als konsequent: Denn je weniger Nathaniel wirklich weiß, desto gewisser erzählt er. So ist Kriegslicht wie die langsame Umrundung eines leeren Zentrums. Wie der Versuch, mit Hilfe bruchstückhafter Erinnerungen, mit Archivmaterial und letztlich der Phantasie auf die Spur eines Menschen zu kommen, der im Dunkeln bleiben will. Und was ist Kriegslicht im Innersten anderes als – Verdunkelung.

Ruth Roebke, Bochum