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Unser tägliches Leben

Autor
Pelo, Riikka

Unser tägliches Leben

Untertitel
Roman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Beschreibung

In wechselnden Zeitebenen erzählt Pelos Roman vom Leben Marina Zwetaewas und ihrer Tochter Ariadna, genannt Alja. Für “Unser tägliches Leben”, in dem großartig das Alltägliche vor dem Poetischen gezeigt wird, hat Pelo 2013 den Finlandia-Preis, den wichtigsten finnischen Literaturpreis erhalten. Nun ist der Roman in deutscher Übersetzung erschienen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Verlag C.H. Beck, 2017
Seiten
495
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-406-70632-5
Preis
26,95 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Riikka Pelo, geboren 1972, ist für ihre Romane und Drehbücher mehrfach preis­ gekrönt worden. Bereits ihr Debüt, erschienen 2006, wurde ausgezeichnet, für den Roman “Unser tägliches Leben” erhielt sie 2013 den renommierten Finlandia Preis. Riikka Pelo hat längere Zeit in Potsdam und Prag verbracht und lebt heute mit ihrer Familie in Helsinki.

Zum Buch:

In wechselnden Zeitebenen erzählt Pelos Roman vom Leben Marina Zwetaewas und ihrer Tochter Ariadna, genannt Alja. Für Unser tägliches Leben, in dem großartig das Alltägliche vor dem Poetischen gezeigt wird, hat Pelo 2013 den Finlandia-Preis, den wichtigsten finnischen Literaturpreis erhalten. Nun ist der Roman in deutscher Übersetzung erschienen.

Zunächst ist da die Zeit des Exils in der Tschechoslowakei 1923, erzählt aus der Perspektive Marina Zwetajewas in dritter Person. Mutter und Tochter leben in einem kleinen Haus auf dem Land; Aljas Vater Sergej Efron, genannt Serjoscha, ist wegen seines Lungenleidens in einem Sanatorium und Alja wartet sehnsüchtig auf Briefe von ihrem geliebten Vater. Es ist der Tag vor Aljas Abreise in ein Internat. Nach und nach erfährt der Leser, dass es erst der Überredungskunst Sergej Efrons bedurfte, Marina Zwetajewa davon zu überzeugen, Alja in dieses Internat zu schicken. Die Mutter nämlich war fest entschlossen, ihre Tochter selbst zu unterrichten und zu einem Spiegel ihrer selbst heranzubilden, indem sie ihr das Handwerk des Dichtens beibrachte, Versfüße einbläute, ihr Mythen erzählte und Gedichte beibrachte. Der Vater hingegen befürchtete, diese Erziehungsmethode sei zu einseitig und würde das Kind isolieren. Wie am eigenen Leib nun erfährt der Leser die Spannung des letzten Tages vor der Abreise des Kindes, geladen vom Abschiedsschmerz beider, ihrer großen Nähe und der daraus erwachsenen Spannungen zwischen Mutter und Tochter. Nichts wünscht sich Marina Zwetajewa mehr an diesem letzten Tag, als noch einmal an ihrem gemeinsamen Buch weiterzuarbeiten (sie hatte Alja dazu verpflichtet, täglich mit ihr gemeinsam an ihren poetischen Erinnerungen an Berlin zu schreiben und jede Unlust des Kindes mit den Worten hinweggefegt „Die Wahrheit kennt keine freien Tage“). Marina Zwetajewa ist eine strenge Mutter, die sich aber immer wieder erschrocken an ihre eigene, sehr fordernde Mutter erinnert, mit der Sorge, geworden zu sein wie sie. Alja hingegen wünscht sich nichts mehr, als mit der Mutter endlich den lang versprochenen Ausflug zur Burg Karlštejn zu unternehmen. Sie will ein „normales“ Kind sein, weiß aber bereits selbst, dass sie mit einer außergewöhnlichen Mutter wie der ihren daran immer wieder scheitern wird.

Die zweite Zeitebene beginnt 1939 in Moskau und wird aus Aljas Perspektive geschildert. Jahrelang hatte Sergej Efron mühsam daran gearbeitet, das Vertrauen des sowjetischen Geheimdienstes zu gewinnen, nachdem er im Bürgerkrieg ab 1917 auf der Seite der Weißen gegen die Bolschewiki gekämpft hatte. Nun konnten Sergej und Alja, seinem Vorbild folgend, aus dem Exil nach Russland zurückkehren, um sich dort in den Dienst der Sowjetunion zu stellen – und Marina Zwetajewa ist ihnen zähneknirschend gefolgt. Sie lebt gemeinsam mit Sergej und ihrem Sohn Mur auf dem Land, Alja hingegen arbeitet als Journalistin in Moskau. Von ihrem Kollegen Mulja erwartet sie ein Kind, der zwar bereits eine Familie hat, aber mit ihr, so hofft es Alja, ein neues Leben beginnen will. Eifrig saugt sie das neue Leben der „neuen Menschen“ auf, bis ihre Treue auf die Probe gestellt wird und sie plötzlich nicht mehr sicher ist, für welche Ideale sie sich da verschrieben hat. Ihre Mutter wiederum fügt sich in keiner Weise in die Gesellschaft ein und macht auch keinen Hehl aus ihrem Gefühl, in dieser Gesellschaft vollkommen deplatziert zu sein. Trotzig und missmutig schimpft sie, so wird es zumindest aus der Perspektive Aljas geschildert, auf alles und jeden und keiner der hingebungsvollen Versuche Aljas sie für sich einzunehmen, gelingt. Anders als Alja befindet sich Marina Zwetajewa als Dichterin, so sagt sie es selbst, jenseits aller Rechte und entzieht sich der willkürlichen Verfolgungen des Sowjetregimes stets – zuletzt endgültig.

Dann und wann treffen sich die beiden Zeitebenen, wenn sich Alja erinnert und damit treffen sich dann auch die Perspektiven Marina Zwetajewas und ihrer Tochter. So werden ihre nicht auszuräumenden Missverständnisse deutlich, aber auch ihre Gemeinsamkeiten und die große Nähe, die trotz aller Auseinandersetzungen zwischen ihnen besteht. Zwischen den Kapiteln aber finden sich kurze, ganz besondere Texte: es sind die poetischen Erinnerungen des Kindes Aljas an Berlin, die sie, von der Mutter ermutigt und zuweilen auch gedrängt, während der Zeit ihres Exils in der Tschechoslowakei aufschreibt.

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob das nicht ein von vornhinein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen ist, nicht nur über eine bedeutende Dichterin und ihre alltäglichen familiären Angelegenheiten zu schreiben, sondern ihr auch noch eine (Prosa-)Stimme zu verleihen. Klar, das, was wir in Pelos Roman lesen, ist nicht Zwetajewa, es ist eine Romanfigur, intim und rauh geschildert, aber das stört nicht bei der Lektüre von Unser tägliches Leben. In diesem Roman über die Tochter der Dichterin und die Dichterin als Mutter werden immer wieder prosaische Gegenstände und einfache Praktiken des Lebens wie Familienangehörige mit ihren Launen und ihrer liebenswürdigen Gewöhnlichkeit beschrieben, bis klar wird, dass sie sich alle in den Augen Marina Zwetajewas in Gedichte verwandeln werden. Und diese Schilderung ist spannend ohne anmaßend zu sein oder der Dichterin dabei ihren Nimbus zu nehmen.

Alena Heinritz, Graz