Drucken

Aktuelle Empfehlungen

Autor
Khider, Abbas

Deutsch für alle

Untertitel
Das endgültige Lehrbuch
Beschreibung

Als Abbas Khider vor 20 Jahren aus dem Irak nach Deutschland floh, hatte er einen großen Wunsch: Literaturwissenschaft und Philosophie zu studieren. Doch diesem Wunsch standen zunächst zwei riesengroße Hindernisse im Weg: Die deutsche Bürokratie und die deutsche Sprache. Mit der deutschen Bürokratie wurde er fertig, an der deutschen Sprache aber leidet er trotz aller Liebe bis heute. Und da Abbas Khider ein hilfsbereiter Mensch ist, hat er beschlossen, anderen Deutschlernenden diese Qualen zu ersparen und ein „wohltemperiertes Deutsch“ zu entwickeln.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hanser Verlag, 2019
Format
Gebunden
Seiten
128 Seiten
ISBN/EAN
978-3-446-26170-9
Preis
14,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich als »illegaler« Flüchtling in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. 2008 erschien sein Debütroman Der falsche Inder, es folgten die Romane Die Orangen des Präsidenten (2011) und Brief in die Auberginenrepublik (2013). Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis geehrt. Abbas Khider lebt zurzeit in Berlin.

Zum Buch:

Als Abbas Khider vor 20 Jahren aus dem Irak nach Deutschland floh, hatte er einen großen Wunsch: Literaturwissenschaft und Philosophie zu studieren. Doch diesem Wunsch standen zunächst zwei riesengroße Hindernisse im Weg: Die deutsche Bürokratie und die deutsche Sprache. Mit der deutschen Bürokratie wurde er fertig, an der deutschen Sprache aber leidet er trotz aller Liebe bis heute. Denn obwohl er sich „mit der Geduld von zweihundert Kamelen durch die Wüste des Sprachenlernens geschleppt“, ja selbst die „Dreifaltigkeit des Grauens“ (Kant, Hegel und Heidegger) niedergerungen hat, bleibt ihm Deutsch „ein Ungeheuer“, gespickt mit „heimtückischen Artikeln, gefährlichen Deklinationen, auflauernden Verbflexionen“ und den „Stolpersteinen der Verbposition“. Von Dativ und Genitiv, Pronomen und Präpositionen, unregelmäßigen und trennbaren Verben usw. ganz abgesehen. Und da Abbas Khider ein hilfsbereiter Mensch ist, hat er beschlossen, anderen Deutschlernenden diese Qualen zu ersparen und ein „wohltemperiertes Deutsch“ zu entwickeln.

Das ist ihm gelungen, und wie! Khider hat aufgeräumt, und das gründlich. An die Stelle von Dativ und Genetiv tritt der Akkusativ II, Personalpronomen werden entrümpelt und durch klare Formen ersetzt, das Verb steht auch im Nebensatz da, wo es hingehört, das heißt an der zweiten Position und nicht irgendwo am Ende, der Satzbau wird neu geordnet, das Problem der Präpositionen durch eine kleine Anleihe beim Koran zumindest teilweise gelöst. Am Ende kann der Autor mit Stolz von sich behaupten, seine neue sprachliche Heimat, das Deutsche, dank gründlicher Renovierung und Sanierung zu einer „wohltemperierten Wohnung aus klaren Buchstaben und feinen grammatikalischen Fällen“ gemacht zu haben, in der er und viele andere sich wohlfühlen können.

„Dieses Büchlein ist ernsthafter sprachwissenschaftlicher Schwachsinn“, heißt es in der Vorbemerkung. Das stimmt, kommt aber so zum Brüllen komisch, so leicht und locker und mit so vielen wunderbaren Anekdoten und so schönen Beschreibungen der Absurditäten dieses unseres Landes daher, dass man es gar nicht mehr zuschlagen will. Zumindest jedoch kann man sich am Ende dazu gratulieren, diese Sprache, die laut Mark Twain den toten Sprachen zugeschlagen werden sollte, weil nur Tote die Zeit hätten, sie zu erlernen, bereits mit der Muttermilch aufgesogen zu haben und nicht als Erwachsener lernen zu müssen. Khider schafft das Kunststück, liebevoll und zärtlich die Schönheit und die Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Grammatik aufzuzeigen und gleichzeitig ein Verständnis dafür zu entwickeln, welche Probleme diese Sprache Nicht-Muttersprachlern bereitet. Das Buch sollte Pflichtlektüre für alle sein, die Deutsch als Fremdsprache lehren oder sonst in irgendeiner Form mit Menschen aus anderen Herkunftssprachen zu tun haben. Eine Pflichtlektüre übrigens, die ungeheuer viel Spaß macht!

Irmgard Hölscher, Frankfurt a. M.