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Autor
Haratischwili, Nino

Die Katze und der General

Untertitel
Roman.
Beschreibung

Alexander Orlow, ein russischer Oligarch und von allen »Der General« genannt, hat ein neues Leben in Berlin begonnen. Doch die Erinnerungen an seinen Einsatz im Ersten Tschetschenienkrieg lassen ihn nicht los.

Nino Haratischwili spürt in ihrem neuen Roman den Abgründen nach, die sich zwischen den Trümmern des zerfallenden Sowjetreichs aufgetan haben. »Die Katze und der General« ist ein spannungsgeladener, psychologisch tiefenscharfer Schuld-und-Sühne-Roman über den Krieg in den Ländern und in den Köpfen, über die Sehnsucht nach Frieden und Erlösung.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Frankfurter Verlagsanstalt, 2018
Format
Gebunden
Seiten
750 Seiten
ISBN/EAN
978-3-627-00254-1
Preis
30,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Nino Haratischwili, geboren 1983 in Tbilissi, ist preisgekrönte Theaterautorin, -regisseurin und Autorin des Familienepos »Das achte Leben (Für Brilka)«, das in zahlreiche Sprachen übersetzt und u. a. mit dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, dem Anna Seghers-Literaturpreis, dem Lessing-Preis-Stipendium und zuletzt mit dem Bertolt-Brecht-Preis 2018 ausgezeichnet wurde.

Zum Buch:

Was geschah während des Krieges in dieser Schlucht in Tschetschenien? Die russische Truppeneinheit 6952 war nach Kämpfen in Grosny hierhin verlegt worden. Zu ihr gehörten unter anderen: Oberst Schujew, der Macht und Respekt verwechselt, Offizier Petruschow, der, charmant und gebildet, den Krieg als eine Möglichkeit sieht, Macht auszuüben, Juritsch, der immer von allen drangsaliert und verachtet wird und einfach tut, was man ihm sagt, der neunzehnjährige Aljoscha, der für die Männer kocht, von französischen Rezepten träumt und nach dem Krieg eine Lehre als Koch beginnen möchte, aber sich in ein tschetschenisches Mädchen verliebt, und schließlich Alexander Orlow, der im Gegensatz zu seinem Vater eigentlich nie in die Armee wollte, sich für Kunst und Literatur interessiert und sich am Ende in den General verwandelt hat. So unterschiedlich Herkunft und Motivation, das Verhältnis zu Macht und Gewalt, Schuld und Gerechtigkeit, gemeinsam ist ihnen das Lebensgefühl einer umfassenden Perspektivlosigkeit, die sich im Wirrwarr der zerbröckelnden Sowjetunion ausbreitet.
Die Frage, was während dieses Krieges dort geschah, beschäftigt den deutschen Journalisten Bender, der bei seinen Recherchen auf die Geschichte des Oligarchen Orlow gestoßen ist und das Rätsel seiner Biografie lösen möchte. Bei seiner Suche lernt er die junge, unschuldige Tochter Orlows kennen und steckt sie mit seinen Fragen nach der Schuld an, schürt die Zweifel an ihrem geliebten Vater.
Was während des Krieges geschah, das möchte unbedingt auch die junge georgische Schauspielerin Sesili herausbekommen, die von allen Katze genannt wird. Mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester verließ sie als Halbwüchsige Georgien nach Ende des Abchasienkriegs, um in Berlin ein besseres Leben zu finden. Von Orlow bekommt sie das äußerst lukrative Angebot, in einem kurzen Video als ein tschetschenisches Mädchen aufzutreten, dem sie offensichtlich zum Verwechseln ähnlich sieht. Was war das für ein Mädchen? Was ist ihr passiert? Die Fragen nach der Rolle münden schließlich ebenfalls in die Frage, was damals geschah, welche Rolle die Geschichte dem Mädchen damals gewiesen hatte und was das Video heute bewirken soll.
Nino Haratischwili erzählt uns die Geschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten. Den General, Bender und die Katze verbindet die Frage nach der Vergangenheit, die alle drei nicht los lässt, verknüpfen sie doch ihre Zukunft mit der Antwort. Die Perspektivwechsel erzeugen einen Strudel, der die Frage der Gerechtigkeit immer drängender werden lässt.
Die Welt, die uns Nino Haratischwili hier in kräftigen Tönen schildert, wird bestimmt von einer Sehnsucht nach Leben oder, wenn die sich nicht erfüllt, dann wenigstens nach Rausch, Alkohol und Drogen, nach Macht und Vergessen. Ob Gerechtigkeit da noch Platz hat, darf bezweifelt werden.
Nino Haratischwili ist nach Das achte Leben (Für Brilka) wieder ein großer Roman gelungen. Die Farben sind weniger warm, aber die Geschichte mit all ihren Facetten ebenso aufrüttelnd und spannend.

Marion Victor