Drucken

Aktuelle Empfehlungen

Autor
Carrère, Emmanuel

Der Widersacher

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Claudia Hamm
Beschreibung

Ein Mann in den besten Jahren, der alles hat, was er sich nur wünschen kann, der seine Frau liebt, seine Kinder vergöttert und das Leben genießt, wird denen, die ihm vertraut und ihm ihre Liebe geschenkt haben, von heute auf morgen zum Teufel in Menschengestalt, zum Widersacher. Dies ist eine wahre Geschichte, und es braucht einen hervorragenden Autor, diese zu erzählen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Matthes & Seitz, 2018
Format
Gebunden
Seiten
195 Seiten
ISBN/EAN
978-3-95757-612-5
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Emmanuel Carrère, 1957 in Paris geboren, lebt als Schriftsteller, Regisseur, Produzent und Drehbuchautor in Paris. Er veröffentlichte seit 1982 zahlreiche Romane. Für »Limonow« wurde er 2011 mit dem Prix Renaudot und dem Prix de la langue française ausgezeichnet. 2014 erhielt er den Prix littéraire du journal Le Monde. Sein Werk wird in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Zum Buch:

Lässt man außer Acht, dass er an Krebs erkrankt ist, besitzt Jean-Claude Romand im Grunde genommen alles nur Wünschenswerte: Er hat eine schöne, rücksichtsvolle Frau, nette Kinder, gute Freunde, einen verantwortungsvollen und gut dotierten Posten als Arzt bei der WHO, ein großes Haus in der Nähe des Genfer Sees und alle paar Jahre einen fabrikneuen Wagen vor der Tür. Nebenbei gilt er überall als angesehener Gast, der mit seiner Intelligenz nicht prahlt und wegen seiner Krankheit nicht den Kopf hängen lässt.
Dann bringt er seine Frau um, tötet seine beiden Kinder, seine Eltern und sogar deren Hund. Er versucht, seine Geliebte zu ermorden, schreibt einen Abschiedsbrief, setzt das Haus in Brand und scheitert bei einem Selbstmordversuch.
Freunde und Familie sind schockiert, nachdem die ganze Wahrheit Stück für Stück bekannt wird. Jean-Claude Romand war nie bei der WHO angestellt. Er hat nicht einmal als Arzt promoviert. Er setzte sich morgens in seinen Wagen, fuhr in den Wald, ging spazieren oder las auf einer Raststätte mehrere Zeitungen. Am Nachmittag fuhr er wieder heim. Das Haus, die teuren Autos, die Geliebte in Paris, von der die Öffentlichkeit erst jetzt erfährt, all das finanzierte er durch Betrug und Veruntreuung von Millionen Francs, die ihm Verwandte und Bekannte im Vertrauen auf eine gute Rendite bei der WHO-Bank überlassen hatten. An Krebs erkrankt war er nie.
Achtzehn Jahre lang lebte Romand ein Doppelleben, ein von Lügen vergiftetes Leben, das er damit verbrachte, auf jenen Tag zu warten, an dem er nichts mehr würde verheimlichen können. Die Katastrophe war unausweichlich.

Eines Tages liest der Schriftsteller Emmanuelle Carrère in der Zeitung einen Artikel über die Taten Romands, den man längst als Ungeheuer, als krankes Monster abgestempelt hat, und beschließt, mehr über die Hintergründe zu erfahren, die den Mann zu solch einer Tat befähigt haben konnten. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass er Türen würde öffnen müssen, hinter die zu schauen ihn Mut und viel Kraft kosten würde. Dann setzt er einen Brief an Romand auf, in dem er ihm seine Beweggründe darlegt und ihn um ein erstes Gespräch bittet.
„Es ist unmöglich, über diese Geschichte nachzudenken, ohne darin ein Geheimnis oder eine verborgene Erklärung zu wittern“, schreibt Carrère. „ Doch das Geheimnis ist, dass es keine Erklärung gibt und dass sie sich, so unglaublich es auch scheinen mag, genau so abgespielt hat.“
Zwei Jahre später erreicht ihn ein Brief von Jean-Claude Romand.

Der Widersacher ist eine großartig geschriebene Reportage, einfühlsam, aber auch ungeschönt und ohne jeden Hauch von Sensationslust, gleichzeitig Essay und Roman, doch allem voran ein ergreifendes Stück Literatur, dass den Leser in die Psyche eines Verlorenen eintauchen lässt, der in seiner Welt nur überleben kann, indem er jeden, vor allem aber sich selbst, belügt, solange, bis er das Lügengespinst glaubt und für wahr erachtet. Unnötig zu erwähnen, dass den Leser auch nach Abschluss der Lektüre der Gedanke nicht loslässt, was einen Menschen zu derlei Taten bewegen kann – aber auch, wie nahe Wahrheit und Lüge beieinander liegen können, wenn man die Perspektive ändert.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln