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Autor
Erba, Augustin

Die auffällige Merkwürdigkeit des Lebens

Untertitel
Roman. Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
Beschreibung

Der Auftrag, den Amadeus nach einer mehrwöchigen Reise durch die USA in der Redaktion einer schwedischen Zeitung erhält, führt ihn an die französische Schule, die er selbst offenbar als Kind besucht hatte. Intuitiv bedient er sich eines geheimen Hintereingangs zur Bibliothek der Schule, um dort einen schüchternen Schüler, der sich hinter den Büchern vor seinen Mitschülern zu verstecken scheint, zu einem Interview zu überreden. Es geht um Ausgrenzung, Einsamkeit, Gewalt und Anderssein an dieser Privatschule. Ein erster Blick in Amadeus’ eigene qualvolle Schulzeit öffnet sich.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Ullstein Buchverlage, 2018
Format
Gebunden
Seiten
432 Seiten
ISBN/EAN
978-3-550-05005-3
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Augustin Erba, eigentlich Augustin Petrus Amadeus Osiris Mina Erba-Odescalchi, ist ein renommierter schwedischer Journalist, er arbeitet für das öffentlich-rechtliche schwedische Radio (SR). Er wurde 1968 geboren und ist in einem Stockholmer Vorort aufgewachsen. Sein Vater stammt aus Ägypten, seine österreichische Mutter aus dem Haus Habsburg-Lothringen. Erba lebt mit seiner Familie in Stockholm. “Die auffällige Merkwürdigkeit des Lebens” ist sein zweiter Roman.

Zum Buch:

Der Auftrag, den Amadeus nach einer mehrwöchigen Reise durch die USA in der Redaktion einer schwedischen Zeitung erhält, führt ihn an die französische Schule, die er selbst offenbar als Kind besucht hatte. Intuitiv bedient er sich eines geheimen Hintereingangs zur Bibliothek der Schule, um dort einen schüchternen Schüler, der sich hinter den Büchern vor seinen Mitschülern zu verstecken scheint, zu einem Interview zu überreden. Es geht um Ausgrenzung, Einsamkeit, Gewalt und Anderssein an dieser Privatschule. Ein erster Blick in Amadeus’ eigene qualvolle Schulzeit öffnet sich.

Erba erzählt in seinem Roman die Geschichte einer Kindheit zwischen Plattenbauten in einem heruntergekommenen Vorort und den geplatzten Illusionen seiner nach Schweden eingewanderten Eltern. Bei jeder Gelegenheit quält der Vater seinen kleinen Sohn mit schweren Rechenaufgaben, um ihm vermeintlich gute Chancen für seine Schullaufbahn zu eröffnen. Dass Amadeus in der Privatschule zwischen all den Kindern aus wohlhabenden Familien ein ausgegrenzter Fremdkörper bleibt, umso mehr, als er wegen seines Wissensvorsprungs die erste Klasse überspringt und so vermehrt der Gewalt älterer Kinder und täglichen Übergriffen ausgesetzt ist, davon kann Amadeus zu Hause nicht erzählen. Die Frage, ob er Klassenbester sei, muss er beim Nachhausekommen immer ohne jedes Zögern mit ja beantworten. Amadeus’ Zuhause ist ein Ort ständig schwelender Gewaltbereitschaft des fordernden Vaters und der emotionalen Erpressung durch die sich in permanente Migräne flüchtende Mutter. Die einzig schönen Erinnerungen zwischen den beklemmenden Details dieses Kinderleben sind die an die seltenen Besuche einer liebevollen Großmutter.

Auf einer zweiten Zeitebene – in der Jetztzeit – verliebt sich Amadeus in Petra, und dabei wird die tiefe, zerstörerische Prägung des jungen Mannes sichtbar. Auch wenn sich die inneren Nöte des attraktiven Journalisten anfangs noch hinter großer Verliebtheit tarnen, versperrt das vollständige Fehlen von Liebe in seiner Kindheit dem Erwachsenen den Weg in eine dauerhaft erfüllte Liebesbeziehung, so sehr er sie sich mit Petra auch wünscht. Eine frühere therapeutische Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse konnte nur Teile der Verletzungen heilen, die Angst jedoch ist geblieben. Angst vor Nähe, Angst davor, irgendwann selbst Vater zu sein. Angst vor Gewalt, die durch das tief verankerte Vaterbild aus ihm hervorbrechen könnte.

Der Autor sagte in einem Interview, Literatur sie die beste Möglichkeit, die Gesellschaft zu beschreiben: „Es ist die einzige Möglichkeit, in den Kopf einer anderen Person zu schlüpfen.“ Dass Augustin Erba in Schweden ein renommierter Journalist ist und einer seiner Zweitnamen Amadeus lautet, erfahren wir im Klappentext.

Die auffällige Merkwürdigkeit des Lebens ist ein Roman über Menschen, die mit ihrer ganz eigenen Geschichte, ihrer Herkunft und ihren Vorstellungen von einem besseren Leben in der schwedischen Gesellschaft verloren gehen. Es handelt auch vom Überleben eines Kindes in einer schrecklichen Umgebung. Es ist ein trauriges und lesenswertes Buch darüber, wie man herausfindet, wer man sein will, und wie man trotz widriger Umstände den Mut aufbringt, zu dieser Person zu werden.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt