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Autor
Enia, Davide

Schiffbruch vor Lampedusa

Untertitel
Aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem und Olaf Matthias Roth
Beschreibung

Wie schwer wiegt der Tod eines geliebten Menschen und wie schwer der von Hunderten, Tausenden, die im Mittelmeer ertrinken? Auf diese Fragen gibt es keine Antwort, aber Davide Enia nimmt sie zum Anlass, die Menschen sprechen zu lassen, die seit 1996 vor Lampedusa gestrandete Menschen aus dem Meer retten, Lebendige wie Tote. Und die Menschen, die auf der Insel landen, die überlebt haben – vielleicht nur fünf von ursprünglich 80 Bootsinsassen – kommen zu Wort. Ein bemerkenswertes, aufrichtiges Stück Literatur, Reportage und Erzählung in einem.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Wallstein Verlag, 2019
Format
Gebunden
Seiten
238 Seiten
ISBN/EAN
978-3-8353-3438-0
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Davide Enia, geb. 1974, ist Dramatiker, Schauspieler und Autor mehrerer Romane. Für seine dramatischen Texte, die er teilweise selbst inszeniert und aufführt, hat er bedeutende italienische Theaterpreise gewonnen. Sein erster Roman »Così in terra« (2012) wurde in bisher achtzehn Sprachen übersetzt.

Zum Buch:

Wie schwer wiegt der Tod eines geliebten Menschen und wie schwer der von Hunderten, Tausenden, die im Mittelmeer ertrinken? Auf diese Fragen gibt es keine Antwort, aber Davide Enia nimmt sie zum Anlass, die Menschen sprechen zu lassen, die seit 1996 vor Lampedusa gestrandete Menschen aus dem Meer retten, Lebendige wie Tote. Und die Menschen, die auf der Insel landen, die überlebt haben – vielleicht nur fünf von ursprünglich 80 Bootsinsassen – kommen zu Wort. Ein bemerkenswertes, aufrichtiges Stück Literatur, Reportage und Erzählung in einem.

Die Seebarsche sind zurück vor den Küsten von Lampedusa. Wovon sich diese Fische ernähren? Der Fischer, mit dem sich Davide Enia unterhält, muss es gar nicht aussprechen. Bei jeder Fahrt aufs Meer findet er in seinen Netzen einen Toten.

Der Rettungstaucher, den Enia zum Reden bringt, ist ein Hüne. Er sei kein Linker, sagt er von sich, politisch eher von der anderen Seite. Aber das Gesetz des Meeres gilt für alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, Rasse, Religion: Wenn jemand Hilfe braucht, wird er gerettet. Und der Hüne weint, als er davon erzählt, wie er ein Kind aus dem Meer geborgen und in seinen Armen gehalten hat.

Seit dem 3. Oktober 2013, an dem über 300 Menschen kaum eine Seemeile vor Lampedusa ertranken, hat Skipper Simone nicht mehr den Mut zu tauchen. Er hat damals bei den Bergungsarbeiten geholfen. Auf Bitten eines Journalisten, der zum Jahrestag eine Doku dreht, traut sich Simone wieder, in der Tabaccara-Bucht unter Wasser zu gehen. Auf dem Wrack am Meeresboden haben sich Korallen gebildet, das Meer hat alles verwandelt.

Der Tod verändert die Menschen auf Lampedusa, die Einheimischen wie die Gestrandeten. Während Enia mit den Menschen auf der Insel spricht, kämpft Enias Onkel, der Bruder seines Vaters, mit dem Tod: Er ist unheilbar krank und weiß, dass der Krebs ihn besiegen wird. Seine Energie, seine Ängste, Liebe und Trauer fließen ein in dieses Buch, und das ist ein Geschenk. Denn an dem Bespiel des einen Geliebten, der stirbt, wird ermesslich, wie sehr die Angehörigen um die vielen Ertrunkenen trauern. In den Medien waren sie nicht mehr als eine Zahl in einer Nachrichtenmeldung. In Enias tröstlicher Erzählung wird den Menschen, die sich in Booten aufs Meer wagten und dort umkamen, ihre Geschichte, ihre Würde zurückgegeben.

Susanne Rikl, München